THE AMAZING SPIDER-MAN 2: Kritik zum Spinnen-Sequel mit Andrew Garfield und Emma Stone (Blu-ray)

Story

Einige Zeit nach dem Biss einer genetisch modifizierten Spinne und nachdem er den Wissenschaftler Dr. Curt Connors daran hindern konnte, ganz New York in monströse Echsenwesen zu verwandeln, läuft es eigentlich bestens für Peter Parker: die Bewohner der Stadt jubeln seinem Superhelden-Alter Ego Spider-Man zu und er und seine große Liebe Gwen Stacy schließen mit Bestnoten die High-School ab. Doch der Tod von Gwens Vater, der im Kampf gegen Connors sein Leben ließ und Peter das Versprechen abrang, sich aufgrund der ständigen Gefahr für Spider-Man von seiner Tochter fernzuhalten, lässt ihn nicht los. Von Visionen des getöteten Polizei Captains und seinem Gewissen gequält bricht Peter schließlich den Kontakt ab. Unterdessen geschieht beim Industriegiganten Oscorp ein folgenschwerer Unfall: der unscheinbare, aber brillante Elektro-Techniker und fanatische Spidey-Fan Max Dillon stürzt bei Reparaturarbeiten in einen Tank voller mutierter Zitteraale und verwandelt sich in einen mächtigen Starkstromschurken, der es nach einer unglücklich verlaufenden Begegnung am Times Square nun auf den Wandkrabbler abgesehen hat. Unterdessen ist der Konzern-Erbe und Peters guter Kindheitsfreund Harry Osborne zurück in der Stadt und erfährt von seinem sterbenskranken Vater Norman, dass dessen Leiden genetisch weitervererbt wird, woraufhin Harry herausfindet, dass die Möglichkeit zur Heilung in den Oscorp-Forschungen und möglicherweise in Spider-Mans Blut zu finden ist. Unterdessen stößt Peter auf neue Hinweise zum Verbleib seiner Eltern. Unterdessen erhält Gwen die Chance auf ein Stipendium in Oxford. Unterdessen muss Tante May Überstunden machen, um Peter das College zu finanzieren. Unterdessen hat der Netzschwinger mit färbender Wäsche zu kämpfen. Unterdessen…

Die Filmkritik

Wie weit Branchenriese Marvel in Sachen Comicverfilmungen ist erkennt man nicht zuletzt am Versagen der Konkurrenz: während Produzent Kevin Feige mit seinen Kreativteams eine insgesamt vollkommen überzeugende Phase 2 des Cinematic Universe hinlegte (zuletzt gekrönt vom tollen „Guardians of the Galaxy“) humpelt nicht nur DC meilenweit hinterher und versucht mit dem kommenden „Batman v Superman: Dawn of Justice“ nun scheinbar innerhalb eines einzigen Films die Versäumnisse der letzten Dekade aufzuholen, auch Marvels fremdverwaltete Lizenzen kommen nicht (mehr) aus’m Köcher. 20th Century Fox gelingt seit 2003 und bei fünf Versuchen kein unumwunden gelungener „X-Men“-Film mehr und wie Sonys Anstrengungen einer MCU-Replik um Marvels beliebtesten Solohelden „Spider-Man“ lässt sich nur noch schwerlich Zutrauen in qualitativ ähnlich hochwertige, stringent durchdachte und durchaus auch künstlerisch gewagte und ambitionierte Projekte finden. Marvel selbst kann’s einfach am bestigsten von allen. Ein weiterer Beweis dafür: die Fallakte „The Amazing Spider-Man 2“, Marc Webbs Netzkopf-Reboot-Sequel. Ein Film der tausend Tone Shifts und Subplots, der Bi- und Tripolaritäten, ein Film der doppelt so lang oder zwei sein müsste, um alles an Querhandlungen vernünftig auszuarbeiten und dem dann immer noch ein Leitmotiv, ein echtes Thema fehlen würde.

Der knallige Look des Films mit starken Kontrasten und Mut zu Farben verweist noch sehr schön und gelungen auf die Herkunft des Spinners und ist zum runtergedunkelten und im Vergleich zum leicht märchenhaften Touch der Sam Raimi-Spider-Trilogie enthübschten Vorgänger ein klarer Fortschritt. Pop Art inmitten eines Trends zur Tristesse, passend zu Andrew Garfields sprüchereißendem Spider-Jerk. Ebenso vorlagengerecht nervt der die bösen Jungs in New York nicht nur mit seinen Spinnenkräften, sondern auch mit seiner großen Klappe. Worin sich das „The Amazing Spider-Man“-Franchise allerdings verheddert, zieht man das Bild größer auf: schon im ersten Teil war Garfields Peter Parker ein angry teen, ein geekiger, aber doch ganz cooler Skater Boy, bei dem es nun zwischen seiner Persona in- und außerhalb des Spider-Dresses praktisch kaum noch einen Unterschied gibt. Den unsicheren und verschüchterten Emo mag Tobey Maguire in Raimis Dreier abgegrast haben, aber zu Spider-Man gehört mehr Unterschied als Maske auf/Maske ab. Erst wird Verbrechen bekämpft, sich dann nicht minder locker zur High School-Abschlussfeier geschwungen und auf der Bühne rumgepost, was der Garfield mit dem lässigen Muskeltonus eines Street Cred-Hippledi-Hoppers abzieht. Ehe dann in der nächsten Szene die bipolare Stimmungsstörung des Films einsetzt und die grade noch vor versammelter Schule angeschleckte Gwen nicht mehr Peters Freundin sein kann, weil »boohoo, ich weiß, eben war’s noch so, aber mein Leben ist voll gefährlich und ich will dich nicht verlieren und dein Papa und mein Versprechen und so, wäääähähähääää«…

„The Amazing Spider-Man 2“ bricht also mit einer durchgehenden Parker’schen Figurendualität (der aus den Raimi-Filmen und generell), drückt der paardynamisch völlig anders gelagerten Beziehung zwischen Peter und Gwen aber trotzdem die selben, drei Filme und über sechs Stunden lang durchdeklinierten Stresspunkte rein, die bei Maguire und Kirsten *kreisch* Dunst an der Tagesordnung waren. Erst Spider-Parker, der Aufschneider, und dann doch wieder weinerliche Twens, deren Problemhorizont nicht weiter als bis ins Vorabendprogramm von RTL reicht. „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, für alle die sich da nicht so gut auskennen… Aber selbst wenn dieser Vergleich oft gezogen wird, wenn es um dramaturgisch dailysoapmäßiges Niveau geht: genau so läuft „The Amazing Spider-Man 2“ für JEDE Figur. Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Oft von einer Szene zur nächsten, von einem Charakterzug zum entgegen gesetzten. Ohne lange Zwischentöne switcht der Film Figuren von hier nach da und wenn für Charakterentwicklung im Bewegtbild kein Platz ist wird’s eben auf die Tonspur ausgelagert, wie beim Volt Villain Electro, dem der Soundtrack seine fehlende Motivation vorsingt, die in ihren Grundzügen schlecht aus Joel Schumachers „Batman Forever“ geklaut ist. Mehr Offenbarungseid, als etwas schlecht aus einem der „Batman“-Filme von Joel Schumacher zu klauen, geht eigentlich gar nicht…

Zwar hat die zischelnde Gesangsstimme für Electro genau wie die streng sequentielle Erzählform von „The Amazing Spider-Man 2“ ihren Ursprung bei den Comicwurzeln, indem sie die häufig zum Einsatz kommende viereckige Gedankenblase channelt, doch damit sucht sich der Film letztlich die falschen Mechanismen des Mediums heraus, um sie auf die Leinwand zu übertragen: der Wandel Electros vom Spidey-Fanboy zum Hater wirkt so nur noch konfuser und gezwungener und die „Meanwhile, back at the…“-Narration des Sequels lässt keinem einzigen der viel zu vielen parallel laufenden Handlungsstränge den benötigten Platz zum Atmen. Comics, die mit still stehenden Bildern und Sequenzen Inhalt transportieren, bei denen man verweilen, zurückblättern und aus denen man Dinge herauslesen kann, wo zeichnerische Ästhetik die wichtigen Akzente zu setzen in der Lage ist, hat für eine solche Art des Erzählens einen klaren Vorteil gegenüber bewegtem Bild, den „The Amazing Spider-Man 2“ nicht zu kompensieren versteht. Webbs Film hat kein Zentrum, zu dem er zurückfinden könnte, wenn zu viele Plotpunkte kurz mal die Übersicht kosten; die Suche Peters nach seinen Eltern, die groß als Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Raimi-Trilogie angepriesen worden war und die hier gleich zu Anfang einen ausgiebigen Flashback bekommt, wird zunächst komplett vergessen und dann genauso willkürlich von Peter zum Teufel gejagt, wie später doch wieder aufgenommen.

Statt genau hier die Mitte des Netzes zu finden spinnt „The Amazing Spider-Man 2“ seine Pfäden fast wahllos in alle Richtungen, manche knüpfen irgendwo an, andere schießen ins Leere oder irgendwohin in Richtung Sequel und dann hampeln die Figuren auf ihrem Pfaden herum, bis der Film sie anstößt, danach wieder stehen lässt, dann wieder anstößt und so weiter. Manchmal trifft sich das Gebaumel und bleibt kurz aneinander kleben, damit Zufälle und Zufallsbegegnungen den Autoren und Webb ihren Job abnehmen: wer sich da alles in den Fahrstühlen von Oscorp über den Weg läuft und trifft und was man so erreicht, wenn man Dinge planlos irgendwo drauf oder gegen klatscht – verrückt. Beziehungsweise komplett einfallslos, kredenzt mit einem glorreichen »Fuck you« der Herren Orci und Kurtzman an alle Kollegen, dich sich mehr Mühe geben, als Figuren einfach bloß alle ins selbe Gebäude und in den selben Fahrstuhl zu schreiben und sie aus mehr als Oxymoronen bestehen zu lassen. »Only a Sith deals in absolutes« merkt Obi-Wan Kenobi in „Star Wars: Episode III“ an. Sith und schlechte Drehbuchautoren, die nichts kennen zwischen Liebe und Trennung, Freundschaft und Hass, Gleichgültigkeit und Engagement, Verzweiflung und Wahnsinn. ♫Durch Liebe und Schmerz, wird in guten und in schlechten Zeiten, dein Schicksal bestimmt♫. Ja. Genau.

Auch die Action läuft nicht gerade auf acht agilen Spinnenbeinen. Visuell gibt es nichts auszusetzen, „The Amazing Spider-Man 2“ sieht aus, wie ein Film mit Kosten von über einer Viertelmilliarde auszusehen hat. Spideys Netto-Leinwandzeit ist genau wie die der Schurken nicht allzu hoch, dafür sind die Fights mit Electro schon stylisch. Und: überhaupt keine Herausforderung. Maguires Spidey hatte im Kampf gegen den Green Goblin, Doc Ock und das Trio aus dem dritten Teil echte, physische und psychische Hindernisse zu überwinden und wurde von den Schurken zünftig fertig gemacht, bis er soweit war, sie besiegen zu können. Maguire hat geblutet, Maguire hat gelitten, ähnlich auch Garfield in „The Amazing Spider-Man“ im Kampf mit dem Lizard. Doch in „The Amazing Spider-Man 2“ bleibt für Wundpflege nicht auch noch Zeit, der Anzug bekommt mal ein, zwei Risse und warum Spidey gegen die Starkstromattacken Electros nahezu immun scheint erklären zwei Passanten in einem TV-Interview nach dem Duell am Times Square. Und ansonsten geht mal ’ne Netzdrüse kaputt und das Kostüm verfärbt Tante Mays Wäsche – verrückt. Beziehungsweise komplett belanglos, wenn ein Held die Schurken wie Fliegen abschüttelt.

Die Lösung ist simpel: „The Amazing Spider-Man 2“ hätte vier Stunden dauern oder zur Hälfte in „The Amazing Spider-Man 3“ verschoben werden müssen. Es diesmal bei Electro belassen, dem eine ausgefeiltere Hintergrundgeschichte spendieren (ist ja nicht so, dass die Nummer mit dem unscheinbaren Spider-Fan, der einer fanatischen Verehrung und durch eine bittere Enttäuschung purem Hass verfällt nicht immerhin Potenzial besäße, unter anderem um das Selbstbild des Wandkrabblers ob seiner Verantwortungsrolle zu schärfen), Osborn-Spross Harry als Peters best buddy etablieren und ihm für den Trilogie-Abschluss den großen, einschneidenden und dramatischen Auftritt bereiten, den diese klassische Storyline um einen von Spider-Mans tragischsten Verlusten verdient hätte.[SPIDER…ääähhh…SPOILER ahead]„The Amazing Spider-Man 2“ nämlich nach dem Vorgänger schon wieder mit dem Sterben eines Stacy-Familienmitglieds enden zu lassen und damit innerhalb kürzester Zeit den dritten Tod auf Peters Konto zu laden überfrachtet die Reihe um dieses Element. Bei den richtigen Marvel-Filmen heißt es ständig »oh nein, einer ist tot – ach nee, doch nicht…« und bei „The Amazing Spider-Man“ stirbt tatsächlich laufend irgendwer. Beides nicht wirklich in Balance. Durch den viel zu kurzen und dahergepolterten Auftritt von Harry als Archnemesis Green Goblin bekommen weder der Tod noch ihr Verursacher den nötigen Punch (man startet bei „Mortal Kombat“ ja auch nicht gleich mit dem Finishing Move ins Match…). Aber schon bis da hin, der ganze »ich brauche dein Blut um zu leben« »aber ich kann’s dir nicht geben, weil vielleicht bringt’s dich um« »aber ich sterbe sowieso« »aber ich kann trotzdem nicht, erfahre den Grund dafür aber erst viel später und sag dann auch nix zu dir« »dann hasse ich dich jetzt«-Zirkus zwischen Harry und Spidey/Peter – verrückt. Beziehungsweise kompletter Spinnenschiss.

Um viele Ansätze und für sich betrachtet stark gestaltete Momente ist es bedauerlich, dass „The Amazing Spider-Man 2“ ein solch schlecht vernähter Quilt aus vielen unzusammenhängenden Mustern geworden ist. In einigen Punkten lässt Webb die Raimi Trilogie nämlich verflucht alt aussehen. Bei den Special Effects, aber das versteht sich von selbst. Beim weiblichen Lead: Emma Stone ist so unendlich viel angenehmer, als die vollständig an Gekreische und Opferrolle verplemperte Kirsten Dunst. Die Stone handelt wenigstens mal proaktiv und wird nicht ausschließlich für’s Bangen und Schreien bezahlt. Oder Dane DeHaan. Der Bengel ist einfach ein Creep! Und macht in Maske und Mech-Outfit des Green Goblin klar, wie lächerlich Willem Dafoes „Power Rangers“-Ramschrequisitenanzug seinerzeit wirklich war. Ausgehend von seinem Spiel und dem kreierten Look hätte DeHaan das Zeug zu einem herausragenden Erzschurken, nur müssten da auch die Herren Autoren mitmachen. Unter denen leidet auch Jamie Foxx, der in Max Dillon/Electro eine grauenhaft geschriebene Rolle zu bringen hat und plumpe Drohzeilen wie »I will cut the light and soon, everyone in this city will know how it feels to live in my world…A world without power…a world without mercy…a world without Spider-Man…« und Hohlphrasen wie »Let’s go catch a spider…« aufsagen muss, obwohl auch hier ein fantastisches Design und faszinierende Möglichkeiten vorhanden wären.

Wertung & Fazit

Action: 3/5

Sieht toll aus, hat aber kaum Gewicht. Der Zug-Fight von Doc Ock und Spider-Maguire in „Spider-Man 2“ bleibt unangefochten die beste Actionsequenz sämtlicher Spinnen-Filme.

Spannung: 1/5

Kommt nicht groß zum Tragen, da der Film sich auf keinen seiner viel zu vielen Handlungsstränge wirklich einlässt.

Anspruch: 0.5/5

Die Figuren könnten nicht unsubtiler sein, wenn sie ihre jeweilige Motivation in Großbuchstaben auf dem Pulli trügen.

Humor: 1/5

Garfields Spider-Jerk feuert einiges ab, vieles ist schlicht albern.

Darsteller: 3/5

Andrew Garfield liegt einiges an der Rolle und der macht das ja auch ganz gut, aber das Script lässt ihn und die anderen hängen. Dane DeHaan sticht allerdings positiv heraus.

Regie: 2/5

Unrhythmisch, überfrachtet, für keinen einzigen Plotstrang einen ausgereiften Erzählbogen, aber immerhin manchmal mit dem Auge für beeindruckende Shots. Dennoch: von einem Regisseur, der mit Nachnamen Webb heißt, muss mehr kommen…

Film: 4/10

„The Not So Amazing Spider-Man 2“, was ein überanstrengtes Flickwerk. Überlaufend vor ungenutzter Möglichkeiten und verschwendeten Talents. Starke Effekte, tolle Designs, aber Handlungsbögen und Charakterentwicklungen, die mit dem Brecheisen gestemmt werden.

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