THE HATEFUL EIGHT: Kritik zu Quentin Tarantinos Schnee-Western mit Samuel L. Jackson (Blu-ray)

Die Story

Wyoming, einige Jahre nach dem Sezessionskrieg: zusammen mit drei Leichen, die er in die Stadt Red Rock überführen will, ist der schwarze Kopfgeldjäger und ehemalige Unionssoldat Major Marquis Warren im verschneiten Nirgendwo gestrandet und wird schließlich von einer vorbeikommenden Kutsche aufgelesen. An Bord John „der Henker“ Ruth, an ihn gekettet die berüchtigte Daisy Domergue. Auch diese beiden sind auf dem Weg nach Red Rock, einen nahenden Schneesturm im Nacken. Unterwegs zu einem Zwischenstopp in Minnies Miederwarenladen, um dort den Blizzard auszusitzen, begegnen sie außerdem dem Südstaatler Chris Mannix, der sich als neuer Sheriff von Red Rock ausgibt. Angekommen in der abgelegenen Postkutschen Lodge und schon bald umschlungen von dem tosenden Unwetter müssen sich die Reisenden sehr zu Ruth’ Missfallen die Unterkunft mit vier weiteren Gästen teilen: dem Mexikaner Bob, der behauptet, von der abwesenden Minnie als Vertretung eingesetzt zu sein, dem knurrigen Ex-Konföderierten-General Sanford Smithers, dem vornehmen Briten Oswaldo Mobray, der sich als Henker von Red Rock vorstellt, und dem schweigsamen Cowboy Joe Gage. Während Ruth sicher ist, dass mindestens einer der Anwesenden mit der ruchlosen Domergue gemeinsame Sache macht, hat bald auch Warren mehr als nur eine Ahnung, dass die acht Fremden nicht zufällig aufeinander getroffen sind…

Die Filmkritik

Kurt Russell und Samuel L. Jackson in THE HATEFUL EIGHT
Filmjunkie Quentin Tarantino setzt seinen Kurs in historischer Geschichts(um)deutung fort: nach seiner „Once Upon A Time In Nazi Occupied France“-What if…-Story „Inglourious Basterds“, in der die Skalpeintreiber um Brad Pitt und Eli Roth am Ende [SPOILER voraus] Hitler persönlich erledigen [SPOILER Ende] und dem Sklaverei-Epos „Django Unchained“ zog der Dialog-Derwisch nun vom Zweiten Weltkrieg und den schwülen Südstaaten in die verschneiten Bergregionen Nordamerikas weiter und präsentiert mit „The Hateful Eight“ ein Hütten-Kammerspiel im Breitwandformat, das es fast gar nicht auf die Leinwand geschafft hätte. Nach einem Script-Leak im Januar 2014 hatte Tarantino das ursprünglich als „Django“-Sequel angelegte Projekt angepisst auf Eis gelegt, ehe ein Live Read mit der Besetzung ihn doch noch überzeugte, dass dieser hasserfüllte Achter vor die Kameras gehörte. Gut so, denn der gewohnt wortgewandte und blutsudelnde Western ist einer der besten Filmen des eigenwilligen Knoxville’ianers geworden!

„The Hateful Eight“ ist zähflüssiges Tarantino-Konzentrat, das man ohne Vorliebe für die Geschmacksrichtung „slooooooow build-up mit eruptiver Gewaltexplosion“ kaum herunter bekommt, mit Zugang zum Werk von Quasselquaste Quentin aber ausreichend vermengen kann, um es sich in Bächen den Schlund runterstürzen zu können. Wiedermal weidet und windet sich die Narration durch endlose „von Hölzchen auf Stöckchen“-Dialoge, die lässig am Baum der Banalitäten lehnen, aber dann, wie man’s von QT kennt, mit spitzem Wortwerkzeug an der Rinde kratzen, die Initialen und Standpunkte der Figuren in den Stamm ritzen. Die Fremden, die in der weißen Wüste aufeinandertreffen, kennen einander zum Teil vom Ruf her, jeder hat mal ‘ne Anekdote über einen der anderen parat und wenn man eine Rückblende erwarten könnte, wird doch immer noch weiter geredet.
Tim Roth, Kurt Russell und Jennifer Jason Leigh in THE HATEFUL EIGHT
Wie bereits in „Inglourious Basterds“ und „Django Unchained“ bekommt die Geschwätzigkeit in „The Hateful Eight“ durch den historischen Kontext aber eine politische Schärfe. Statt an Zeit und Setting angepassten Trivia-Talk über Fußmassagen und die Unterschiede kontinentaler Burger-Bezeichnungen oder ellenlangen Girl Talk zu führen, tragen die Figuren im Schnee-Western ein auf ihre Köpfe komprimiertes Duell der Rassen- und Ehre-Konflikte im Post-Bürgerkriegs-Amerika aus. Okay, um die Qualität von Kaffee und Eintöpfen geht es ebenso, doch stetig näher rücken Tarantinos funkenschlagende Worte dem Zündholz der Überzeugungs-Konflikte zwischen einem schwarzen ehemaliegen Nordstaaten-Offizier, einem opportunistischen Südstaaten-Deserteur, einem verbohrten Konföderierten-General und den anderen Gestalten, die sich erst ab der vierzig Minuten-Marke in Minnies Miederwarenladen einzufinden beginnen.

Brüchig wird schon auf der Kutschfahrt dorthin Bande geknüpft und Abmachungen getroffen zwischen denen, die sich interessengemäß am nähesten zueinander wähnen oder wenigstens den geringsten Nachteil vom anderen zu erwarten haben. Während Kurt Russells misstrauischer Kopfgeldjäger Ruth aus Prinzip alles und jeden neben sich verdächtigt und in seiner stockholmsyndromigen Beziehung zu Dormague Jennifer Jason Leigh selbst der größte Red Herring von allen ist, erweist sich Samuel L. Jacksons Major Marquis Warren als Meister des Deduktionsspiels, das Tarantino wie eine sich langsam aufbauende Partie Cluedo in der Hütte inszeniert, ein Spiel um Hinweise, Fährten und Enthüllungen spinnt, in das die Spannung wie eine wispernde Schlage hineinkriecht und sich enger und enger zuzieht.
Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh und Bruce Dern in THE HATEFUL EIGHT
Agatha Christie-Murder Mystery und whodunnit-Plot bringt Tarantino in einer meisterhaften und gegenwartsreflexiven Studie über hasszerfressene Vorurteile und exekutive Gewalten unter, entfesselt auch in der Enge der Hütte in prachtvollen Breitwandbildern pures Kino, wallt die Spannungskurve der ersten Hälfte des Films zu einer denkwürdigen Entladung von Rassismus und Vergeltung auf, ehe nach der vorgeschriebenen viertelstündigen Pause (authentisch natürlich nur in der Roadshow-Version des Films zu genießen) Ennio Morricones „Bestiality“ erklingt und „The Hateful Eight“ die schwellende Gewalt endgültig eskalieren lässt, sich die Inhalte von Pistolen und Eingeweiden über die Hütte verteilen. Das Musikstück mit den stechenden Strings ist eigentlich ein nicht verwendetes Score-Piece aus John Carpenters „The Thing“, den Tarantino mit Russell in der Hauptrolle und der Paranoia der im Schneesturm gefangenen Figuren sowieso reichlich referenziert.

Zwar standen auch Spaghetti-Western wie „Il grande silenzio“ oder der amerikanische „Day of the Outlaw“ offensichtlich Pate, auf ein einziges Genre lässt Tarantino sich aber wieder nicht festlegen, die Horror- und Mystery-Anleihen sind unübersehbar. Morricones gesamter, Oscar-prämierter Score ist eher die Untermalung für ein dunkles Schauerwerk, Christies Roman „And Then There Were None“ aus dem Jahr 1939 gibt der Maestro der Referenzen Tarantino als Inspirationsquell an, auch der eigene „Reservoir Dogs“ ist vom Setting her ähnlich. Und dennoch ist „The Hateful Eight“ ein ganz eigener Film, unverkennbar ein Tarantino-Film mit berechtigtem Platz in seinem Shared Universe. Großartig gefilmt und atmosphärisch bestechend (das unaufhörliche schneidende Pfeifen des Sturms sorgt für die akustische Dichte einer hochwertigen Hörspielproduktion), hervorragend gespielt von einem weitenteils QT-erprobten Ensemble, obwohl „The Hateful Eight“ nicht die ein, zwei über allem stehenden Figuren, kein Duo wie Vincent und Jules und keinen Hans Landa, keinen schillernden Pfau wie Dr. King Schultz aufweisen kann (auch wenn Tim Roth in Aussehen und Auftreten den Charakter und Christoph Waltz channelt).
Samuel L. Jackson und Walton Goggins in THE HATEFUL EIGHT
Dafür ist die Aufteilung der Figuren ohne nominelle Hauptrolle wahnsinnig geschickt und der Plotentfaltung zuträglich angeordnet, jeder scheint sich jederzeit gegen jeden wenden und aus der zweiten Reihe vortreten zu können und so tut sich für die meisten Figuren irgendwann die Gelegenheit für ihren Moment auf, der Film bleibt unberechenbar und jeder könnte der nächste sein, der in einer Pfütze aus Blut am Boden liegt. Auch im absurdesten Gesudel bleibt Tarantinos Script noch scharf und anspielungsreich, eine diebische Freude und das Selbstzitat gerät hier nicht mehr so eitel wie zuletzt in „Django Unchained“. Aber bei allen politischen Anklängen, „The Hateful Eight“ ist letztlich doch wieder die Bühnenshow, der Budenzauber eines großen frechen Jungen, der kaltem Blockbusterkalkül lodernde Filmleidenschaft entgegen setzt, auch wenn das mit dem achten Tarantino-Erguss mittlerweile längst eine Routine in sich geworden ist.

Wertung & Fazit

Action: 2.5/5

Ruhige und wortreiche erste, blut- und bleihaltige zweite Hälfte.

Spannung: 4/5

Schwillt zwischen einzelnen Figuren und Grüppchen immer weiter an und entlädt sich im Tarantino-üblichen Gewalt-Exzess.

Anspruch: 3.5/5

Tarantino spricht tiefgreifende und noch immer allgegenwärtige Konfliktthemen an, sein Film ist aber natürlich kein trockenes Lehrstück.

Humor: 2/5

Gewohnt wortgewaltig und oft spitzzüngig und zum Teil absurd übersteigert.

Darsteller: 5/5

So ein biiiiißchen „nur“ das 1B-Ensemble, aber die machen ihre Sache in kernigen Rollen allesamt hervorragend, Samuel L. Jackson ist so gut wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.

Regie: 5/5

Tarantinos handwerklich vielleicht bester, ausgereiftester Film.

Film: 9/10

„The Hateful Eight“ ist knapp unter „Pulp Fiction“ und „Inglourious Basterds“ einer von Quentin Tarantinos besten Filmen geworden. Ein großartig gefilmtes und famos aufgeführtes Kammerspiel im verschneiten Norden Amerikas.

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Ein Kommentar

  1. Ja, ich mochte den auch sehr… und ich hatte vorher große Bedenken, eben weil man viel von Kammerspiel und langsamem Aufbau hörte, aber ich fand, es hat bei “The Hateful Eight” wirklich irgendwie gut zusammengepasst. Ja, natürlich hätte man den Anfang beschleunigen können, aber dann irgendwie auch wieder nicht. So wieder der Film ist, war er schon die Wucht in Tüten… hat mal wieder richtig Spaß gemacht. Und ich sage es bei dir auch noch einmal gerne: Walton Goggins fand ich ja absolut umwerfend… 😀

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