THE PURGE: ANARCHY – Kritik zum Säuberungs-Sequel mit Frank Grillo (DVD)

Story

Amerika im Jahr 2023: es ist wieder Purge-Nacht, jene Nacht im Jahr, in der für zwölf Stunden alle Verbrechen legal sind, niemand strafrechtlich verfolgt wird und alle staatlichen Rettungs- und Hilfsleistungen außer Dienst treten. Seit der Einführung der jährlichen Säuberung durch die New Founding Fathers of America sind Kriminalitäts- und Armutsraten in den USA auf historische Tiefststände gesunken und so sieht das Land auch in diesem Jahr freudig der Purge entgegen – zumindest die Reichen und Geschützten und natürlich die umherwandernden Säuberungswilligen auf den Straßen. Weniger gut dran ist das zerstrittene Paar Shane und Liz, die kurz vor Beginn der Purge-Nacht eine Autopanne mitten in Downtown Los Angeles haben und sich plötzlich schutzlos und von einer bewaffneten Bande verfolgt wiederfinden. Besser ergeht es auch der hart arbeitenden allein erziehenden Mutter Eva mit ihrer Tochter Cali nicht, die in ihrer Wohnung von einer paramilitärischen Truppe angegriffen und verschleppt werden. Ehe die beiden und auch Shane und Liz von einem schwer bewaffneten Einzelgänger gerettet werden, der in dieser Nacht auf einer ganz eigenen Mission unterwegs ist. Gemeinsam versucht sich die unfreiwillige Gruppe irgendwie durch die Nacht zu kämpfen…

Der Film

THE PURGE ANARCHY Frank Grillo
Überraschungshit mit Sequelgarantie geht nirgends so schnell wie im Horror/Thriller-Genre. Für ganz billig Geld zu produzieren, genügen da schon Einspielergebnisse, die einen dicken Blockbuster beschämt zurück ließen, um für ein fettes Plus auf dem Produzentenkonto zu sorgen. „Saw“ (sieben Teile), „Paranormal Activity“ (demnächst sechs Teile) oder „Insidious“ (demnächst drei Teile) machen’s seit Mitte der 2000er vor, das günstig im Startkalender positionierte Schockerware auch heute nach wie vor serienfähig ist. Und auch Regisseur und Drehbuchautor James DeMonaco hat mit seinem „The Purge“ letztes Jahr ein Stück von der Torte abbekommen, ein für läppische drei Millionen gedrehter Home Invasion-Horror, der fast das dreißigfache reinwirtschaftete, seiner vielversprechenden Prämisse von einer no-holds-barred-Nacht aber nicht gerecht wurde, da der Terror sich auf ein einziges Haus beschränkte. Doch mit verdreifachtem Budget geht DeMonaco mit der unvermeidlichen ersten Fortsetzung (und weitere werden sicher folgen) raus auf die Straße und mitten rein in den Säuberungswahnsinn, liefert aber dennoch einen bloß minimal besseren Film.

DeMonacos „The Purge“-Reihe will Hypersatire, will relevante Gesellschaftskritik sein, Amerika einen Spiegel vorhalten, wohin Schichtentrennung und Waffenstarrsinn das Land geführt haben und an sich ist die Idee und das Genrepotenzial einer Säuberungsnacht ja auch cool, nur ist DeMonacos Konzept alles andere als schusssicher. Über die blanke Prämisse hinaus darf man das nicht durchdenken, sonst stößt man rasch auf die schreiende Idiotie, gleichermaßen in Idee und Ausführung begründet. Als würde ein Land nicht mehr als seine Armen und Unterbemittelten mit Kugeln zerschießen, wenn eine Nacht lang alles, wirklich ALLES und eben nicht nur Waffengewalt erlaubt wäre. Als würden Raub, Plünderung, Diebstahl, Sachbeschädigung, Brandschatzung nicht nebenbei die komplette Wirtschafts-, Industrie- und Infrastruktur killen. Was ist mit den Arbeitskräften, die von einem Tag zum nächsten ersetzt werden müssten, wenn sich die Gewalt des Säuberungsrechts eben nicht ausschließlich gegen Arbeits- und Obdachlose richtet, wie in beiden Filmen zu sehen? Ist der in diesem Jahr sozial abgesicherte Ladenbesitzer mit über Nacht ausgeräumten Regalen und getötetem Hilfsarbeiter dann das Purge-Opfer vom nächsten? Und überhaupt, als könnte landesweit eine ganze Gesellschaft von jetzt auf gleich, von 18:59 Uhr auf 19:00 Uhr und morgens um Sieben wieder zurück den Schalter kippen von Mord und Totschlag auf alles wieder töfte. Als wäre der inner- wie außenpolitische Selbstmord eines solchen Beschlusses nicht ohnehin jenseits jeder Relation…
THE PURGE ANARCHY Freaks
…und das ist ja nur die Oberfläche. Aber egal, für guten Thrill ist die Prämisse tauglich, wenigstens auf dem Papier. Die Aufweitung des Settings von einem Reichenviertel und einer einzigen Villa als Hauptschauplatz in „The Purge“ hin zum gesamten Stadtgebiet Los Angeles in „The Purge: Anarchy“ erweist sich als der erwartet sinnvolle Sprung nach vorne, der in DeMonacos kruder Handlungs- und Handelnsführung aber auch seine ganz eigenen logistischen Schwierigkeiten mit sich bringt. Mangels eines festen Antagonisten muss das Hauptdarstellerquintett auf den über 5,8 Quadratmeilen von Downtown L.A. immer wieder auf die selbe purgende Gruppe im Van treffen, die in werbestill- und posterwirksamer Maskierung immer überall und aus dem Nichts da auftaucht, wohin es die Protagonisten verschlägt. Auch ergibt es sich nicht schlüssig, warum die hilflosen Shane und Liz und die schutzlosen Eva und Cali überhaupt dem Einzelkämpfer Leo quer durch die Stadt folgen, statt ihren ursprünglichen Impulsen nachzugehen, sich zu verstecken und zu verschanzen. Und dann so das übliche Genre-ABC, Autos springen nicht mehr an, totgeglaubte Bösewichte erheben sich langsam genug, um den Helden die Flucht zu erlauben und nur knapp scheiternde Vorhaben werden kein zweites Mal gewagt (Shane und Liz wollen sich in einem Müllcontainer verstecken, doch da liegt ’ne Leiche drin. Versuchen sie es also mit dem nebenstehenden nächsten Container? Nein, sie rennen blindlings weiter…). „The Purge: Coincidence“…

…jedoch auch hier: relativ egal. „The Purge: Anarchy“ hat zumindest einen viel deftigeren Zug und Drive drin als der Vorgänger und wenn man die Prämisse nicht auf A-Niveau untersucht, sondern auf B-Level hinnimmt, ist das schon alles auszuhalten. Zumal mit Frank Grillo als grimmiger unfreiwilliger Retter und Beschützer ein ballerwütiger Gegenentwurf zu den Purge-Irren seinen ganz eigenen Säuberungstrip durch Los Angeles antritt und wenn der Typ nicht schon seit „Captain America: The Winter Soldier“ am Fiesmann Crossbones hinge müsste Marvel nicht lange nach dem nächsten, vom Vergeltungsdurst zerfressen gegen die Kriminalität ins Feld ziehenden Frank Castle suchen: Grillo ist ’ne coole Sau, seine Rolle ein bisschen, als hätte man den Punisher in eine urbane Hunger Games-Arena gesteckt. Bis unter’s Kinn bewaffnet drückt man dem halt echt die Daumen, dass er den degenerierten wie den dekadenten Purgelern zünftig den Scheitel zieht. Zusammen mit dem raufgeschraubten Actionwert ist das eine deutlich unterhaltsamere, niederinstinktbefriedigendere Variante des Themas, als noch im Erstling mit Ethan Hawke und seiner komischen Familie. Mehr Ballertrash, weniger Moraldilemma und creep Kids.
THE PURGE ANARCHY Zach Gilford Kiele Sanchez Zoe Soul Carmen Ejogo Frank Grillo
Die plumpe Kritik an der Kluft zwischen Arm und Reich, der Wirtschaftlichkeit des Purge-Massakers und an dessen Nutzen für die NRA und die Schusswaffenlobbyisten, also alles, was irgendwie nach Anspruch schreit, kann man weiterhin vergessen. Ab mehr als drei, vier aufeinanderfolgenden Dialogzeilen wird nur noch Stuss gesabbelt, und dann das ständige »Purge« und »purgen« in jedem zweiten Satz – als ginge man zum Schlussverkauf und laufend raunzt einer »ich bin hier um zu schlussverkaufen«. Wir alle wissen, worum’s geht, also brabbelt nicht, schlagt zu! Die Charaktere, Grillos Punisher inbegriffen, sind durchweg stereotyp, grob die Schablonen nachgehobelt, die sich in den 1970ern/80ern etabliert haben. Der Gewaltgrad ist trotz Steigerung immer noch nicht da, wo man ihn sich bei ganz exzessiver Auslebung des Konzeptes vorstellen kann, aber das ist nicht notwendigerweise ein Kritikpunkt, eher fällt das CGI-Blut negativ auf, mit dem sich die vorhandenen harten Szenen besudeln. Mit einer rebellierenden afroa(r)merikanischen Untergrundmiliz (gäääähn…), die sich zur Gegenpurge erhebt, bereitet DeMonaco schonmal die dritte Säuberung vor, die für 2015 angekündigt ist. Geht die Steigerungskurve konstant so weiter werden wir dann also mit „The Purge 7“ bei einem durchaus ordentlichen Film angekommen sein…

Wertung & Fazit

Action: 2.5/5

Deutlich mehr los als im Vorgänger, auch ganz ordentlich inszeniert, aber weiterhin nüscht wirklich besonderes.

Spannung: 1.5/5

Baut nie wirkliche Anspannung auf, dafür sind die Figuren auch durch die Bank zu egal.

Anspruch: 0.5/5

Wie beim Vorgänger: will viel sein, schafft aber wenig: DeMonacos Gesellschaftskritik verpufft in flachen Satireelementen und zu kurz gedachten Ansätzen.

Humor: 0/5

Als Satire nie richtig bissig und nimmt sich ansonsten trotz B-Pegels viel zu ernst.

Darsteller: 3/5

Frank Grillo rockt die Purge als wortkarger Einzelkämpfer auf Rächermission ganz gut und schleift den übrigen Cast mit.

Regie: 2/5

James DeMonaco liefert mit der etwas umorientierten Ausrichtung einen unterhaltsameren, nicht aber einen doll viel besseren Film.

Film: 4/10

Taugt weiterhin als kritische Gesellschaftssatire so wenig, wie das unfertig gedachte Konzept zur Geltung kommt. Immerhin aber actionreicher und auf trashigem B-Niveau unterhaltsamer als der Vorgänger.

Bei Amazon.de bestellen

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code