THE RETURN OF THE FIRST AVENGER: Kritik zu Marvels zweitem Captain America-Solo mit Chris Evans (Blu-ray)

Story

Zwei Jahre sind vergangen, seit Supersoldat Steve Rogers alias Captain America gemeinsam mit weiteren Helden den Halbgott Loki und die außerirdische Armee der Chitauri zurückschlagen konnte. Nach zuvor sieben Jahrzehnten im Kälteschlaf ist die wertetreue Weltkriegslegende noch immer bemüht, sich in der veränderten modernen Welt zurecht zu finden. Gemeinsam mit der schlag- und trittfesten Agentin Natascha Romanoff und einer Strike Squad erledigt Rogers Aufträge der Regierungsorganisation S.H.I.E.L.D., doch sein Vertrauen in die Behörde steht nicht wirklich auf einem festen Fundament: im Zuge eines Rettungseinsatzes hält Direktor Nick Fury ihm wichtige Informationen vor und als ein Attentat auf ein hochrangiges S.H.I.E.L.D.-Mitglied verübt wird findet sich Rogers plötzlich selbst in der Schusslinie wieder und des Verrates bezichtigt. Gemeinsam mit Romanoff muss der Captain nun selbst der Organisation entkommen, für deren Ideale er zu stehen glaubte. Hinter all dem steckt jedoch noch eine bedeutend schwerwiegendere Verschwörung, wie Rogers bald herausfinden muss…

Die Filmkritik

Comic Book Movie-Mania und kein Ende in Sicht: mindestens dreißig, eher vierzig und vielleicht sogar noch mehr Heft-Adaptionen werden bis 2020 die Kinos überschwemmen. Schier unfassbare Zahlen, aber das ist letztlich nur konsequent. Die Comicverfilmung hat die klassischen, superheldenlosen Action/Abenteuer-Streifen längst als DAS große Leinwand-Event auf Blockbusterebene abgelöst, was in den 1980ern und ‘90ern der kommende Spielberg war ist heute das nächste Marvel Movie. Nur das der Meister des Entertainment alle drei Jahre einen Film gemacht hat, während der Comickrösus im Rahmen seines Cinematic Universe bald drei im Jahr abliefert. Phase 2 des Zyklus ist in vollem Gange, wird im nächsten Jahr von der zweiten Megazusammenkunft der Helden in „Avengers: Age of Ultron“ abgeschlossen und wurde eingeleitet vom naja-okayen „Iron Man 3“, dem sehr ordentlichen „Thor: The Dark World“, den „Guardians of the Galaxy“ – und natürlich „Captain America: The Winter Soldier“.

War der erste Auftritt des Superpatrioten in „Captain America – The First Avenger“ noch einer der schwächsten Marvel-Filme, gehört „The Winter Soldier“ als insgesamt neunter Eintrag ins Cinematic Universe zu den stärksten Ablegern der Reihe, ist in Relation eine ähnlich erhebliche Steigerung, wie zwischen den Asgaard-Ausflügen „Thor“ und „The Dark World“ festzustellen war. Unterschiedlicher angelegt könnten die Phase 2-Soli vom Cap und dem Donnergott allerdings gar nicht sein, wie sich überhaupt „The Winter Soldier“ kaum deutlicher vom bisherigen Marvel-Kosmos unterscheiden könnte, ohne sich unzugehörig anzufühlen. Marvel wagt, Marvel gewinnt: den weiter oben erwähnten klassischen Action-Streifen und zudem Polit-Thrillern aus den 1970ern ist „The Winter Soldier“ deutlich näher, als dem Effektebombast typischer 2000er-Produktionen. Schon „The First Avenger“ versuchte sich mit seinem 1940er Setting das Gewand vergangener Strömungen überzustreifen, während sich der moderne „The Winter Soldier“ als Washingtoner Verschwörungs-Thriller kleidet und damit eine passige Konfektionsgröße für die Gegenwart einer Figur findet, deren Wurzeln im Zweiten Weltkrieg liegen.

„The Winter Soldier“ zeigt den Cap als das integre Rückgrat in einer Zeit, in der der Feind eher von innen operiert, statt sich mit Armeen vor Ländergrenzen zu stellen und Krieg zu proklamieren, ein Feindbild nicht sofort als solches zu erkennen ist. Das ringt dem ansonsten naturgemäß klaren Gut/Böse-Schema der Comicfilme immerhin ein paar Abstufungen ab, und als Stimme eines guten Gewissens mit ausgeprägtem Rechts/Unrechtsempfinden haut der Cap ein paar stellvertretende Kernsätze raus (»This isn’t freedom. This is fear.«), um ihn wegzubewegen vom reinen Befehlskonsumenten mit »Hooray, USA«-Attitüde, Steve Rogers als aufrechten und guten Menschen, nicht guten Amerikaner zu verorten. Die Regierungskritik und verteilte Spitzen gegen Präventivpatriotismus und einen Big Brother-Staat mit NSA-Allegorie überträgt „The Winter Soldier“ in ein „wenige gegen alle“-Drohszenario, das vor allem dem Cap als Figur hilft, ihn schärfer und weniger als pfadfindermäßigen Dauerstrammsteher vor Stars’n’Stripes zeichnet, wie zuvor in „The First Avenger“ und „The Avengers“. Stellvertretend verzehrt sich Rogers in einer fremdgewordenen Welt nach einer Wertekultur, der er sein Schild und sein Vertrauen bedenkenlos zur Verfügung stellen kann, im festen Glauben daran, auf der richtigen Seite zu stehen.

Die Frage, wie weit man zum vermeintlichen Schutz von Land und Leuten gehen darf, ist zwar nichts umwälzend Neues und in der Aufarbeitung einer von Terror und allgegenwärtiger Angst geprägten Gesellschaft auch im Comicgenre zur Genüge erörtert („The Dark Knight“ als auffälligstes Beispiel, Marvel selbst war aber ebenso schon dran), „The Winter Soldier“ müht sich aber nicht bloß schwerfällig an Symbolen und Metaphern ab: der Marvel-Kosmos etabliert sich mit diesem Film endgültig als organisch genug, um solchen Themen aus sich selbst heraus Nachdruck verleihen zu können, einen Realitätsabgleich zwar zu bestehen, aber sich nicht mit einer ständigen »ich mein’s voll ernte«-Schwernis wichtig zu tun.[Tick tock, says the SPOILER clock]Da kann dann ein Bösewicht aus „The First Avenger“ ruhig als Ghost in the Machine wiederauferstehen und in sonstwas für Konstellationen von den Toten zurückgekehrt werden, bei „The Winter Soldier“ passen solche unverkennbaren Comic-Herkünfte und kreativen Ausreden an ein nie überbetontes Reflektieren der Gegenwart. Das ist Verschwörungs-Thrill in der Parallelwelt des MCU, nicht in unserer Welt. Neben den ökonomisch-industriellen und fantastisch-außerweltlich-mythologischen Aspekten der „Iron Man“– und „Thor“-Filme baut „The Winter Soldier“ das MCU folgerichtig auf politstukturell-staatsorganisatorischer Ebene aus.

Das ist richtig und wichtig und betont Marvels Ambitionen, nicht einfach bloß das Fließband anzuschmeißen und eine immer gleiche Comickonserve nach der anderen zu produzieren. Die nehmen ihr Material ernst, aber nicht auf Kosten des Unterhaltungswerts. Den besorgt in „The Winter Soldier“ zudem mit die beste Action, die überhaupt irgendeine Comicverfilmung bisher geboten hat. Auch hier sind Vorbilder klar erkennbar und von den Machern direkt benannt, der Film setzt auf harten Mano-a-mano-Combat, der Cap hat sich ein paar beeindruckende Moves draufgeschafft und ein Fight zwischen ihm und UFC-Recke Georges St-Pierre ziemlich zu Anfang wird fast wie die Stage eines 2D-Prüglers inszeniert. Dazu gibt es Verfolgungsjagden und harte Schusswechsel, bei denen die Macher nichts Geringeres als eine der besten Actionsequenzen der Filmgeschichte als Referenz nennen: den über zehnminütigen Shootout aus Michael Manns Crime-Meisterwerk „Heat“. Statt sterilem CG-Geklotze gibt’s bodenständig hart auf die Mütze und teilweise wird richtig rabiat um die Ecke gebracht, erst recht wenn der titelgebende Attentäter ins Geschehen eingreift: wie beim Cap hat SuperKRAFT bei dem Winter Soldier nichts mit Fliegen, Repulsorstößen oder Blitze herbeirufen zu tun, sondern mit Agilität, ausgereizten körperlichen Limits und eben KRAFT, der eine unterstützt durch sein Vibraniumschild, der andere durch einen bionischen Arm.

Story und Figuren in einen überzeugenden Kontext gebettet, die Action richtig gut, Chris Evans mittlerweile merklich zu Hause in der Rolle des Supersoldaten – aber „Captain America: The Winter Soldier“, beziehungsweise die Vorgänger aus dem MCU haben auf manchen Feldern dennoch nicht ausreichend gesät, um die volle Ernte einzufahren.[Tick tock, says the SPOILER clock again]Der wahren Identität des Winter Soldier und der damit verbundenen tragischen Konfrontation zwischen ihm und Cap fehlt der Unterbau, da helfen auch ein paar kurze Gedenk- und Erinnerungsszenen an einen Charakter aus „The First Avenger“ nicht, der da einfach kaum Eindruck hinterlassen hat. Dem Gewicht der Verschwörung rund um S.H.I.E.L.D. und die Rückkehr der kind of Nazis von HYDRA wäre es ebenso zuträglich gewesen, wenn handlungstragende Figuren und Orte wie der Weltsicherheitsratshauptbefehlshaber Alexander Pierce oder das Triskelion in Washington vorher mal in Erscheinung getreten wären, S.H.I.E.L.D. einen noch etwas klareren Umriss bekommen hätte. Und das Plotprozedere mit dem „oh nein, die und die wichtige Figur ist tot… ach nee, doch nicht“ kann sich Marvel nach Thor, dem Cap, Agent Coulson, Tony Stark, Pepper Potts, Loki und hier Bucky Barnes und Nick Fury für die nächsten Filme bitte mal sparen.

Wertung & Fazit

Action: 4.5/5

Fights und Shootouts rocken richtig kräftig, die Action-Sets bekommen Aufbau und Entwicklung spendiert, statt einfach drauflos zu spektakeln. Erst der Showdown fährt die schweren (CG-)Geschütze aus und wirkt etwas beliebig.

Spannung: 2.5/5

Das Polit-Thriller-Gewand steht dem Film ausgezeichnet, die Suspense-Momente sind nicht wirklich zum Fingernägelkauen, aber stimmig eingesetzt und eine schöne Ergänzung.

Anspruch: 1.5/5

Die Regierungs- und Politbezüge sind weder besonders brisant noch subtil, wirken aber auch nicht bemüht oder aufgepfropft.

Humor: 1/5

Viel düsterer als die Fun- und Fantasy-Spektakel um den Büchsenmann, den Donnergott und die Rächer, dennoch nimmt sich der Film seine humorvollen Pausen und Momente.

Darsteller: 4/5

Chris Evans ist endgültig in Schild und Kostümuniform hinein gewachsen, Anthony Mackie ist eine prima Ergänzung, Scarlett Johansson und Samuel L. Jackson dürfen ihre Stammrollen deutlich ausbauen.

Regie: 4/5

Die kleine Gaunerkomödie „Welcome to Collinwood“ und Episoden von „Happy Endings“ und „Community“ klingen nicht gerade nach dem typischen Bewerbungsschreiben für die Regie eines großen Comicblockbusters, die Russo-Brüder machen aber einen richtig guten Job.

Film: 8/10

Bisher das Highlight aus Mavels Phase 2: „Captain America: The Winter Soldier“ mischt Comic-Entertainment mit passenden und ausgezeichnet umgesetzten Genre-Einflüssen und unterhält mit extrem starker, harter und zu Großteilen handgemachter Action. Top!

3 Kommentare

  1. Für mich war zwar der 1. Cap-Film nicht einer der schwächeren Marvel-Filme (für mich sind das eher die ersten zwei Iron Man- sowie der Avengers-Film), hatte aber dennoch wenig Erwartungen an das Sequel. Das gefiel mir gerade aufgrund des “on the run from a conspiracy”-Mittelteils (trotz Zola-Computer) überraschend gut. Das Finale ist für meinen Geschmack mal wieder zu viel des Guten (aber Marvel kann es scheinst nicht anders), dennoch neben Guardians of the Galaxy für mich der bisher beste Marvel-Export.

    Der 3. Absatz gefiel mir übrigens am besten, schön geschrieben (auch wenn die Sätze ein wenig lang geraten bisweilen). Und beim Anspruch hätte ich durchaus noch einen Punkt oder mehr draufgepackt (bisher meines Erachtens fraglos der anspruchsvollste Marvel-Film).

  2. Zustimmung!!! Hat mir bis dahin auch am besten gefallen. War endlich mal nicht so extrem superhelden-lastig, sondern ein bisschen mehr “down-to-earth”. Diese Mischung aus Action, Polit-Thriller und Verschwörung hatte ich echt was. Aber genau so passt es ja auch irgendwie zu “Captain America”. Iron Man und Thor sind eher die, wo man mehr Witze machen kann…

  3. Ich fand den Film absolut Klasse. Finde auch die Verflechtung mit den anderen Filmen und den Serien nicht schlecht. Da freut mich sich doch auf jeden Film von Marvel.

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