THE WOLF OF WALL STREET: Kritik zu Martin Scorseses Broker-Satire mit Leonardo DiCaprio (DVD)

Story

New York in den 1980ern: mit Anfang Zwanzig schlägt der ehrgeizige und geldgeile angehende Börsenmakler Jordan Belfort an der Wall Street auf und ergattert einen Job im Traditionshaus L.F. Rothschild. Dort macht er schnell Eindruck beim ausgefuchsten Broker Mark Hanna, der Belfort über ein paar grundlegende Tugenden auf dem Weg zum Erfolg aufklärt: nicht ans Wohl des Kunden, sondern stets an die eigene Provision denken und außerdem häufig, häufig wichsen. Und ohne einen gewissen Rauschpegel intus geht im stressigen Tagesgeschäft schnell die Puste aus, also koksen, saufen, rumhuren, soviel wie überhaupt nur geht. Unglücklicherweise erwischt Belfort kurz nach seiner bestandenen Lizenzprüfung ausgerechnet den größten Börsencrash seit der Weltwirtschaftskrise 1929 als ersten Arbeitstag als richtiger Makler. Seinen Arbeitgeber treibt es in die Pleite und Belfort heuert bei einem abgewrackten, höchstens halblegalen Unternehmen für den unregulierten Markt mit Pennystocks an. Deren Vorteil: die unverschämt hohen Provisionen. Mit Charme, Verkaufsgeschick und blanker Skrupellosigkeit verhökert Belfort die Aktien von unbedeutenden Kleinst- und Hinterhofgeschäften an gutgläubige Arbeitsschichtler – und erwirtschaftet schon bald Profite in ungeahnter Höhe. Gemeinsam mit seinem hellhörigen Nachbarn Donnie Azoff gründet Belfort schon bald das außerbörsliche Unternehmen Stratton Oakmont, das mit aggressiver Markterschließung wächst und wächst und bald Millionengewinne einfährt…

Der Film

Leonardo DiCaprio kennt sich aus mit Betrug und Dekadenz: in Spielbergs beschwingtem „Catch Me If You Can“ spielte er den Hochstapler und Scheckfälscher Frank William Abagnale, für Christopher Nolan mopste er in „Inception“ Ideen direkt aus dem Unterbewusstsein, und zuletzt nahm er in Baz Luhrmanns pompösen „The Great Gatsby“ die Identität eines anderen an und feierte rauschende Feste im Ostküsten-Amerika der 1920er. Verglichen mit „The Wolf of Wall Street“ sind das aber alles Bagatellen, volkstümlich gesittete Dorffeierlichkeiten zur Einweihung von Bauer Meiers neuem Scheunendach im Gegensatz zu dem, was Martin Scorsese mit seinem liebsten Star seit Robert De Niro in der fratzigen, zynisch-provokanten Broker Satire durchzieht. Basierend auf der Autobiographie des Börsenmaklers Jordan Belfort, der mit seinen krummen Geschäften und seiner Zuwirtschaft in die eigenen Taschen mit Mitte Zwanzig zum Multimillionär aufstieg, hauen Scorsese und DiCaprio bei ihrer fünften Kollaboration einen Instant Classic raus.



Nach mehreren Genre- und Fingerübungen und dem Durchhänger „Hugo Cabret“ ist der Meisterregisseur wieder da, wo er am stärksten ist: an der Seite, hinter der Schulter und direkt im Angesicht des Verbrechens inmitten einer episch ausgebreiteten Rise and Fall-Story, eine Crime-Saga mit Maklern statt Mafiosi, ein kamasuträrer Stellungsamarathon, wo das Kino sonst nur flotte Quickies auf dem Küchentisch bietet. Scorsese erfindet die Rise and Fall-Mechanik nicht neu, natürlich kann man „The Wolf of Wall Street“ als „GoodFellas“ auf „Casino“-Maß gestreckt bezeichnen, abzüglich der Mafiagewalt und ergänzt um massig nackte Nutten und krasse Partyexzesse. Aber auch Scorseses Präsentation IST Exzess, er ein Maestro der Erzählperspektive, die hier ebenso leicht als unreflektiert missverstanden werden kann, wie manche nicht die bewusste Absicht hinter den zig kleinen Anschlussfehlern im Psycho-Thriller „Shutter Island“ erkennen. Den in der Grundausstattung enthaltenen Off-Kommentar erweitert der Film um den Bruch der vierten Wand, so wird’s endgültig ein virtueller Rundgang, nein, mehr eine Achterbahnfahrt geprägt vom Subjektivismus in Erinnerung und Wahrnehmung Jordan Belforts als Hauptdarsteller seines Lebens.

Den berühmten Copacabana Nightclub Tracking Shot aus „GoodFellas“, mit der Kamera hinter dem Protagonisten Henry Hill positioniert, dreht Scorsese einmal um 180 Grad, Belfort treibt die Kamera vor sich her, interagiert mit ihr, verkauft sich und seine Geschichte ans Publikum, genau wie er am Telefon unbescholtenen Bürgern nutzlose Aktien andreht, man dringt nicht gemeinsam wie mit Hill in eine Welt aus Luxus, Glamour und Rambazamba ein, sondern sie erstreckt sich in Belforts Rücken und er bricht als Prediger und Apostel aus ihr hervor. Vorm Volk der Makler verkündet er seine Lehren wie ein wildgewordener Sektenführer, ein Anpeitscher der Gier, ein Prophet des Geldes, sich selbst und von seinen Untergebenen in den Heiligenstand des Hyperkapitalismus gebrüllt; jenen, die bettelarm zu ihm kommen, begleicht er ihre Rechnungen und zu ihrer Unterhaltung schafft er Kleinwüchsige herbei, um sie zum Zwergenwwurf auf Zielscheiben bereit zu stellen, auf sein Wohl ein Halleluja der Sünde und Ausschweifung! Scorsese lässt Belfort in dieser entfesselten Radikalsatire gewähren, lässt ihn schwärmen von Drogen und vom Ficken und vom Reichtum, doch genauso überlässt er es Belfort und der Annahme eines mündigen Publikums, ihn als satanisches Arschloch zu enttarnen, das seinen Lebensstandart nicht bloß bürokratischer und justiziarischer Kriminalität verdankt, sondern einer moralischen Gewaltbereitschaft, die ihn aus dem Licht eines faszinierend-edlen Gangsters rückt, der sich nicht vom Staat kontrollieren lässt und der für Freiheit und Unabhängigkeit steht.



Den durch erschlichenes Vertrauen und Leichtgläubigkeit und mittels der Anonymität des Telefons erzielten Erfolg münzen Belfort und seine Lakaien bei jeder Gelegenheit in wilde Orgien um, Drogenrausch und Rudelbumms zum Berufsethos erklärend, da ist nie vom Wunsch nach Freiheit die Rede, sondern von Gier und Sucht nach mehr und noch mehr, mehr Geld, mehr Weibern das Koks direkt aus dem Arsch ziehen, immer noch eine Hemmschwelle mehr niederreißen, je dicker Konto und Hose anschwellen. Und wie ausgiebig Scorsese das auch bebildern und in sich wiederholenden Zyklen abfilmen mag, „The Wolf of Wall Street“ bleibt doch nur der Chronist und Rechercheur im nichtwertenden Winkel von Belforts Verstand, wird von ihm manchmal in eigenen Annahmen widerlegt (der rote Ferrari, der eigentlich ein weißer war), steht immer kurz davor, der Versuchung des Stratton Oakmont-Moguls zu erliegen, kippt ihm aber doch nie geöffneten Mundes voran in den Schoß. „The Wolf of Wall Street“ liefert die tugendhaften Antithesen nicht frei Haus, fordert Integrität und Standpunktbildung ein, während sich der zunehmend wrackköse Belfort in seiner unnachgiebigen Selbstinszenierung/zerstörung als Identifikationsfigur eines erstrebenswerten Lifestyles ausschließt, als Sympathieträger sowieso nicht taugt.

Das sind aber alles keine quellfrisch aus dem Schaffen Scorseses geschöpften Erkenntnisse, was hat der nicht schon alles aus der Perspektive von Soziopathen, Amokläufern, Psychos, Cholerikern, Sadisten, Schwerverbrechern und Geistesgestörten inszeniert?! Unabhängig von der Diskussion um die Wertefibel seiner Filme, von der die Gangsterstreifen in puncto Brutalität und Verklärung ebenso begleitet wurden, wie jetzt der Maklermoloch in seinem Sex’n’Drugs-Rausch, unabhängig davon ist „The Wolf of Wall Street“ einfach sauunterhaltsam. Mit drei Stunden Laufzeit noch mindestens zwei zu kurz, geschmacksfreier Gross out-Humor und Brachialsatire sorgen für schreiende Komik in Szenen, die in völlig ungeahnte Richtungen verlaufen und zum Teil in eine kontextuelle Absurditas gesteigert werden, dass man’s kaum fassen kann. Wie Scorsese zum Beispiel einen unerwartet heftigen Drogenrausch, versagende Körperfunktionen, einen drohenden Erstickungstod und das „Popeye“-Thema zusammenbringt UND dabei sogar noch Charakterkonflikte knotet und löst – purer Wahnsinn, Exzess halt.



Die konventioneller aufgezogenen reinen Drama-Elemente sind hingegen… ja, konventionell. Die Punkte, an denen seine Ehefrauen (erst die unscheinbare Teresa, dann die Sexgranate Naomi) genug von Belfort haben, könnte man noch bei Regenwetter mit der Sonnenuhr auf die Laufzeitminute genau vorhersagen, und wie diese Streits und Brüche dann ablaufen ist Copy and Paste-Inszenierung, in die sich DiCaprio, „How I Screwed My Wife“-Cristin Milioti und Margot Robbie allerdings voll reinwerfen. Bei der nicht gerade innovationsstrotzenden Riege schräger Nebenfiguren mit dem oben ohne-Jogginghosen-Fitnessfreak Jon Bernthal oder dem toupettragenden P. J. Byrne ist es genauso an den Darstellern, alles was geht rauszuholen, was besonders der Masturbator Jonah Hill sehr wörtlich nimmt. Seinem momentanen Run entsprechend eines DER Highlights in „The Wolf of Wall Street“: Matthew McConaughey, der DiCaprio mit seiner Rolle im AIDS-Drama „Dallas Buyers Club“ den Oscar wegschnappte und ihn in der großen gemeinsamen Szene wie ein Schüler vor dem Meister wirken lässt (was allerdings auch dem Zeitpunkt des Storystands geschuldet ist). Ansonsten dreht der zum fünften Mal erfolglos Academy Award-nominierte DiCaprio hier aber sowas von auf, als wolle er sein Jahresabo für grimassierendes Gesichtsmuskeltraining unbedingt innerhalb dieses einen Dreistünders aufbrauchen. Eine irre Vorstellung in einem irren Film.

Wertung & Fazit

Action: 2/5
Reichlich horizontale Action, Partyrausch, eine Yacht in heftiger Seenot, nicht minder viel Dampf, als Schießereien und Dauerexplosionen.
Spannung: 2,5/5
Kein Dreistünder drückt ununterbrochen auf’s Gas, zwischen den ganzen abgedrehten Szenen kommt auch „The Wolf of Wall Street“ mal phasenweise zur Ruhe.
Anspruch: 2,5/5
Scorsese rückt der Oberflächlichkeit der Börsenaffen nicht mit tiefgründiger Psychologisierung zu Leibe und ergründet auch nicht die Untiefen der Gier an sich, zumindest nicht in einem besonders ausgefeilten Erkenntnisrahmen. Als Chronist überlässt er den Ausschlag des moralischen Kompasses weitgehend dem Zuschauer.
Humor: 3/5
Hebt zum Teil so richtig hoch ab, inklusive einer Vollrausch-Sequenz, die selbst in „Fear and Loathing in Las Vegas“ noch besonders aufgefallen wäre.
Darsteller: 5/5
Hush little Leo don’t you cry, war halt schon wieder kein Oscar für dich dabei. Macht nichts, trotzdem ‘ne irre Leistung.
Regie: 5/5
Scorsese knüpft an seine besten Leistungen an.
Fazit: 9,5/10
Martin Scorsese setzt mit „The Wolf of Wall Street“ eine weitere Referenz unter den Rise and Fall-Storys. Der Film überdreht teilweise völlig, setzt einige Erzählregeln außer Kraft (und hält sich dafür sehr streng an ein paar andere) und trumpft mit einer großartigen und hemmungslos durchdrehenden Besetzung auf. Ein widerliches, sozionihilistisches, unverschämt unterhaltsames Fastmeisterwerk.

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