THOR: TAG DER ENTSCHEIDUNG – Kritik zu Marvels buntem Donnergott-Spektakel mit Chris Hemsworth (Kino)

Die Story

Seit er in einer Vision die Vernichtung Asgards vorausgesehen hat ist Thor, der Gott des Donners, in allen Winkeln der neun Welten auf der Suche nach den Infinity Steinen. Bisher erfolglos. In der Gefangenschaft des mächtigen Feuerdämons Surtur, der die Ragnarok und damit den Untergang des Götterreiches als unausweichlich voraussagt, erfährt Thor, dass in Asgard schon seit geraumer Zeit nicht mehr sein Vater Odin, sondern vielmehr der listige Loki auf dem Thron sitzt. Zusammen mit seinem Halbbruder macht Thor sich auf die Suche nach dem Allvater – und unvorbereitet treffen die beiden dabei auf die Göttin des Todes Hela, die nach Jahrhunderten der Verbannung ihr Anrecht auf Asgard fordert, um von dort aus alle anderen Welten in einem gnadenlosen Vernichtungsfeldzug zu unterwerfen. Im Bifröst, der Regenbogenbrücke zwischen den Welten, entledigt sie sich Thors und Lokis, die auf dem Planeten Sakaar stranden. Hier veranstaltet der sogenannte Grandmaster brutale Gladiatorenkämpfe und während Thor sich in der Arena beweisen muss erobert Hela mit Leichtigkeit Asgard und richtet ihre Zerstörung auf die übrigen Welten…

Die Filmkritik


From best to worst-Listen des Marvel Cinematic Universe werden vielfach vom ersten „Avengers“-Happening, „Iron Man“, „Captain America: The Winter Soldier“ oder den „Guardians of the Galaxy“ angeführt – und nicht selten vom Donnergott-Solo „Thor: The Dark World“ abgeschlossen. Dem mögen viele seine Qualitäten nicht zusprechen und gemeinsam mit dem ebenfalls durchwachsen rezipierten Asgard-Anstoß „Thor“ nimmt Marvels Superhelden-Mythen-Melanche ein bisschen die Rolle des ungewollten Stiefkindes ein. Gehört zur Familie, fällt mit seinen anderweitigen Einflüssen aber irgendwie aus der Reihe. Zudem durfte Chris Hemsworth („Rush“, „In the Heart of the Sea“) bislang in keinem seiner vier Auftritte als hammerschwingender muskelbepackter Hüne viel mehr als das mit der Figur anstellen: den hammerschwingenden muskelbepackten Hünen mimen. Neben Robert Downey Jr.‘s schillderndem Tony Stark, dem integren, geschickt in der weltpolitischen Gegenwart verankerten Cap und den anderen Rächern blieb das eher beliebig.

Mit „Thor: Tag der Entscheidung“ (im Original „Thor: Ragnarok“) nun wandeln der comedybegabte Hemsworth und das sympathisch-unangepasste neuseeländische Multitalent Taika Waititi auf dem Regiestuhl die operettenhafte Theatralik von Kenneth Branagh und den dark fantasy-Anstrich von Alan Taylor in einen knallpoppigen Sci-Fi-Fantasy-Funride mit gleich mehreren Buddy-Comedy-Pairings (Thor und der listige Loki, Thor und der steinerne Korg, Thor und die widerspenstige Walküre, Thor und der tumbe Hulk), der sich in der Retro-Ästhetik eines „Flash Gordon“ oder „Buck Rogers“ einordnet. Der „What We Do in the Shadows“ und „Hunt for the Wilderpeople“-Macher ist nach Jon Favreau („Iron Man 1 & 2“), den Russo-Brüdern („The Winter Soldier“ und „Civil War“) und James Gunn („Guardians of the Galaxy Vol. 1 & 2“) wohl die ungewöhnlichste Regiewahl, die Produzent und Creative Overwatcher Kevin Feige bisher getroffen hat (wäre Edgar Wright nicht an „Ant-Man“ gescheitert…), Waititi bereichert die kosmisch-mythologische Komponente des MCU aber um eine launig-kauzige Spaß-Granate, nach der man endgültig nicht mehr behaupten kann, Marvel hätte bloß kreativitätsbeschnittene Auftragsarbeit zu vergeben.

„Thor: Tag der Entscheidung“ bläst den meisten Erdenballast wie Natalie Portmans love interest Jane Foster und ihre Entourage aus Stellan Skarsgård und Kat Dennings aus dem Gebälk der Götterbude, bis auf ein kurzes Intermezzo zwischen dem Donnergott und „Doctor Strange“ Benedict Cumberbatch (das sich bereits während dessen Abspann andeutete) hat der Film mit Midgard-Mitbringseln nichts am Hut. MCU-Eintrag Nummer Siebzehn knüpft mit fremden Planeten, Raumschiffen und Aliens die kosmischen Verbindungen zwischen Erde, Götterreichen und „Guardians“-Outer Space; das güldene Asgard wird entfantastisiert, ist nurmehr Kulisse für Schmierentheater und Schlachten, der Pomp der Asen wird von Todesgöttin Hela als Show und Schleier entlarvt. Passend dazu, als Restabfall seines eitlen Geblüts, verschlägt es Thor auf einen Müllplaneten, einen Abladeplatz für das Überflüssige und die Ausgestoßenen der Galaxie und der Gott schrumpft zum Gladiator.

Radikaler (Haar)Schnitt für den stolzen Thor und nach der ersten Ankündigung von „Ragnarok“, damals noch mit unheilvoller Title Card, hätte das eines der düsterstes MCU-Kapitel werden können. Unter Waititi (und nicht zu unterschätzen dem Einfluss des Erfolges von Gunns „Guardians“-Filmen) ist „Thor: Tag der Entscheidung“ jedoch der grellste, trippigste und am komödiantischsten angelegte MCU-Beitrag. Dem Originaltitel gemäß geht es immer noch um das Ende Asgards und aller Welten, doch der Film hält sich nie lange (wenn überhaupt) mit dieser Bedrohung auf, sondern rattert lieber im Minutentakt irrwitzige Szenen und Witze runter. Wenn es darum geht, heroische, dramatische und emotionale Momente hinterrücks ins bunte Bällebad der Gags und Slapstick-Einlagen zu schubsen, weisen Waititi und das Script von Eric Pearson, Craig Kyle und Christopher Yost eine weit höhere Erfolgsquote als zuletzt der enttäuschende „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ auf, der nach einem ähnlichen Muster operierte, sich aber viel öfter in umständliches Auswalzen eher unlustiger Sketche verrannte (die Taserface-Szene…) und zu viel Stimmungsbruch per Pointe servierte.

Auch „Thor: Tag der Entscheidung“ untergräbt sich dahingehend immer wieder und es ist ohnehin ein zwiespältiger Trend Marvels, seit dem ersten „Guardians“ viel an dramatischem Gewicht scheinbar ohne Punch und Impact und nicht mehr ohne Ironie präsentieren zu wollen (zum anstehenden „Infinity War“ sollte sich das wieder ändern…), aber dem Film gelingt soviel überraschende Komik, soviel aufgeladene Sillyness, dass es sich nicht lohnt, ihn seiner Konnektivitäten wegen runterzumeckern: „Thor: Tag der Entscheidung“ ist ein arschunterhaltsamer Fun-Blockbuster, der überwiegend ohne den Klotz am Bein MCU als Stand Alone brilliert, eine quietschige Gegendarstellung zum jahrelang vorherschenden gritty‘n‘dark-Gestus der Post-„The Dark Knight“-Action-und Comic-Unterhaltung. Angetrieben von einem fetzigen Electro-Score und Led Zeppelins „Immigrant Song“ nutzt der Film den augenblicklichen Retro-Rausch und packt Science Fiction-Edeltrash in die Ausstattung und die Effektgüte eines 180 Millionen Dollar Tentpole Movies.

Eine mies interpretierte Rekapitulation der Ereignisse aus „Thor: The Dark World“, aufgeführt vom asgardischen Amateurtheater (mit Cameos von [SPOILER, zum Lesen markieren] Luke Hemsworth, Matt Damon und Sam Neill! [SPOILER Ende]), eine Hommage an „Pure Imagination“ und „Willy Wonka & the Chocolate Factory”, herrliche Nebenfiguren wie Kronanier Korg, dessen sanftmütige Stimme (gesprochen von Waitiki persönlich) sich im gemütlichen Plauderton stets mit dem Inhalt des Gesagten und seiner steinigen Erscheinung beißt – „Thor: Tag der Entscheidung“ steckt voller Weirdo-Ideen und -Dialoge, jedoch ohne zu überreißen. Dazu gibt es nicht die besten, nicht die außergewöhnlichsten und nicht die einfallsreichsten Actionszenen des MCU, aber absolut solides Gekämpfe und Geballer, dem stets ein Storyzweck vorsteht und das nicht alles bisher dagewesene zu übertrumpfen versucht. Highlight ist eindeutig der Gladiatorenfight zwischen Thor und dem Hulk (dessen Auftritt fraglos cooler gekommen wäre, wenn das Marketing ihn geheimgehalten hätte). Die populäre „Planet Hulk“-Storyline wird so zumindest angerissen und der große Grüne darf ordentlich smashen.

„Thor: Tag der Entscheidung“ ist jetzt allerdings auch nicht die ultimative Offenbarung, nur weil‘s viel zu lachen und Retroreimen gibt: die Untoten-Armee der hirschgeweihtragenden Hela ist nach den Chitauri in „The Avengers“ und Ultrons Abkömmlingen in „Age of Ultron“ mal wieder nur gesichtsloses Massengegnergetummel und ihre Anführerin bleibt ein eindimensionaler villain of the week. Cate Blanchett ist natürlich awesome, weil sie Cate Blanchett ist, aus den gewohnten Versäumnissen des Marvel‘schen Schurken-Schemas kann sie aber auch mit Klasse und Capoeira nicht heraustreten. Wie sie die gesamten Abwehrkräfte Asgards allein auseinandernimmt ist schon stark, nur steckt hinter ihrer Bösartigkeit und ihren Verwandschaftsverhältnissen eine spannendere und vielschichtigere Geschichte, als der Film sie zu erzählen bereit ist. So wirken Hela und ihr Erscheinen ein bisschen drangetackert, um überhaupt die Bedrohung für den Tag der Entscheidung in Gang zu setzen. Auch ansonsten wiederholt der Film bei aller Abgedrehtheit einiges an Bildern und Motiven aus dem Standartrepertoire des MCU und macht sich nicht die Mühe, alle internen Klischees der Megamaschinerie umzubuchstabieren.

Die Schwächen kneifen und zwicken den Spaß am und mit dem Spektakel manchmal, doch anders als Mjölnir in den Händen Helas zerbricht „Thor: Tag der Entscheidung“ nicht daran. Die Formeln und Erwartungen ans Superheldengenre werden oft genug mit Können und Chuzpe auseinandergenommen, Thor wird als Figur nicht tiefgründiger oder in eine aufregende Richtung erzählt und es mag nicht jedem Gönner der Sprechblasenvorlagen (von den mythologischen gar nicht zu reden…) gefallen, dass der Donnergott hier ein Stück weit zum Fettnäpchen-Actionhero vertrottelt wird, aber Chris Hemsworth macht das mit Charme und Augenzwinkern und spätestens zum Showdown auch (wieder) mit göttlicher Überlebensgröße was Heros-Gesten, Schlechtwetterfähigkeiten und Opferbereitschaft angeht. Sein brüderliches Gezänke mit Tom Hiddleston und dessen „guter Loki, böser Loki“-Revue fallen diesmal relativ irrelevant aus. Tessa Thompson ergänzt die Kriegerriege um die trinkfeste Sklavenfängerin Valkyrie, nachdem Thors treues Gefolge aus den Vorgängern (die Warriors Three Tadanobu Asano, Ray Stevenson und Zachary Levi alias Hogun, Volstagg und Fandral) von Hela weggemetzelt wird und Jaimie Alexanders Lady Sif gar nicht auftaucht. Jeff Goldblum liefert einen köstlichen Gimmick-Auftritt ab, Idris Elba, Karl Urban, Mark Ruffalo und Anthony Hopkins bieten verlässlich-unterforderten Support.

Wertung & Fazit

Action: 3.5/5

Rockt gut, wenn auch nicht herausragend. Sauber gefilmt und mit Sinn in die Handlung gebettet, ohne zu überdrehen.

Spannung: 2/5

Das Bedrohungsszenario durch Todesgöttin Hela ist gerade so da, sorgt aber nicht für die großen »oh je, ob das wohl gutgeht?!«-Spannungsschübe.

Anspruch: 0.5/5

Die Götter- und Geschwisterkonflikte bekommen nicht sonderlich viel Tiefe.

Humor: 3.5/5

Mit dem ersten „Guardians“ und „Ant-Man“ der witzigste MCU-Film. Selbst die Gags, die nicht unbedingt den persönlichen Geschmack treffen, wirken nicht deplatziert.

Darsteller: 4/5

Floskel voraus: man merkt allen den Spaß beim Dreh an. In Timing und Einsatz astreine Comedy- und Action-Performances.

Regie: 4/5

Taika Waititi implementiert seinen Stil ins MCU und bereichert es damit um schrägen Wort- und Slapstick-Witz. Inszeniert aber auch die übrigen Genre-Gebräuchlichkeiten ohne Ausfallerscheinungen.

Film: 8/10

Bester Teil des Donnergott-Dreiers: Ragnarok rasiert dem Asenprinzen die Haare und rotiert ihn Richtung Retro-Trash-Reminiszenz. Das ist nicht ohne ein paar typische MCU-Schwächen, macht aber richtig Laune und einige gewichtige Entwicklungen für den gesamten Marvel-Kosmos schiebt’s am Ende auch noch an.

Bei Amazon.de bestellen

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.