TRANSCENDENCE: Kritik zum Cyber-Thriller mit Johnny Depp und Rebecca Hall (DVD)

Story

Als einer der führenden Forscher und Vorreiter auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz arbeitet Dr. Will Caster gemeinsam mit seiner Frau Evelyn und einem Team von Experten an einer technischen Evolution: ein selbstständig denkendes und emotionsfähiges Computerprogramm soll vereint mit dem kollektiven Wissen der gesamten Menschheitsgeschichte eine völlig neue Form der Existenz erreichen und, besonders in Evelyns Willen, die Welt verbessern. Doch die technologiefeindliche Terrorgruppe R.I.F.T. zweifelt dieses Vorhaben und die Kreation eines künstlic geschaffenen „Gottes“ nicht nur an, sondern unternimmt außerdem das ihre, um diese Vision zu verhindern. Zeitgleich werden auf Wills Team und ihn selbst Anschläge verübt, wobei sich der erlittene Streifschuss für den Forscher als tödlich erweist, als eine radioaktive Verseuchung seinen Körper innerhalb weniger Wochen zerstört. Evelyn und Wills Freund Max stoßen allerdings auf die überwältigenden Ergebnisse eines anderen getöteten Kollegen, dem es gelungen ist, das Bewusstsein eines Affen auf einen Quantenrechner hochzuladen – und entgegen Max‘ massiver Zweifel sieht Evelyn in ihrer Liebe zu Will keine andere Hoffnung mehr, als auch seinen Geist auf diese Weise zu retten. Das Experiment gelingt und als Evelyn das konservierte Bewusstsein mit dem Internet verbindet eröffnet sich Will eine nahezu allmächtige Fülle an Wissen und Möglichkeiten…

Der Film

Johnny Depp muss sich in letzter Zeit vorkommen wie im falschen Film. Genauer gesagt wie im zweiten „Austin Powers“, in dem der „Spion in geheimer Missionarsstellung“ sein Mojo verliert. Nach dem Besetzungscoup im Instant Classic „Pirates of the Caribbean“ mit seinem Kult-Capt’n Jack Sparrow stieg der publicityscheue Frauenschwarm mit der extravaganten Rollenauswahl und –anlage bis Mitte der 2000er zum Megastar und absoluten BoxOffice-Gold auf, reihte mit der Freibeuter-Quadrilogie und „Alice in Wonderland“ Milliardenhit an Milliardenhit – und dann war plötzlich alles ganz anders. Das Vergnügen an Depps sich zunehmend ähnelnden Maske und Kostüm-Paraden ging verloren, der Publikumsmagnet wurde zum Kassengift und schaufelte mit „Dark Shadows“ und vor allem dem furchtbar furchtbar furchtbar furchtbar doll UNTERschätzen „The Lone Ranger“ tiefe Verlustgräber. Bis zum fünften Abenteuer von Jack Sparrow ist’s noch ein bißchen hin und zuvor komplettierte Depp seine Flop-Trilogie noch mit „Transcendence“, der dritte Film am Stück, der bei einem Budget von über $100 Millionen auf dem US-Markt nicht annähernd die Kosten wieder reinwirtschaften konnte.



Im Gegensatz zu „The Lone Ranger“ und dem eigentlich auch ganz soliden Depp/Burton-Schwank „Dark Shadows“ ereilte das Regiedebüt vom Kameramann-Oscarpreisträger Wally Pfister dieses Schicksal ziemlich zu Recht. Der KI-Hypothese „Transcendence“ fließt von den Besetzungsmitgliedern über seinen an theoretischen Gedankenspielen ausgerichteten Aufbau bis zu dem gewissen Grad an emotionaler Kühle und Distanz der Einfluss des Christopher Nolan-Kinos, das Pfister regelmäßig und hochwertig bebildert, aus jeder einzelnen Pore. Dazu gesellen sich eine Prise Stanley Kubrick und ein paar kryptische Nature Shots aus dem Terrence Malick-Archiv und heraus kommt ein zutiefst seltsamer Film, der großes im Sinn hat, aber nur wenig daraus macht. Die zunehmende Technifizierung, eine immer stärkere Abhängigmachung der Menschheit von programmierten Umwelten, die Allmächtigwerdung eines Geistes in der Maschine und das Übertreten moralischer Grenzen, viel Begriffsgrütze im Script von Jack Paglen, die Pfister auseinandermatscht, statt Vanillesoße drüber zu gießen.

Die Ausgangslage mit dem Forscher auf der Suche nach algorithmischer Transzendenz und einer technikfeindlichen Terrorgruppe ist schon (Quell)Kot, die „sie sind unbemerkt mitten unter uns“-Infiltrationsallegorie zu realem Terror (die R.I.F.T.-Mitglieder sind selbst Programmierer, Tüftler und IT-Studenten…) ergibt keinen Sinn und der radikale Extremismus des von einer unpassend besetzten Kate Mara angeführten Haufens ist von einer Dimension, zu der der Film überhaupt keinen Gegenwert etabliert: da halten Dr. Caster und seine Frau zu Filmbeginn eine Präsentation ab, scheinen erstmal nur das beste mit ihrem Fortschrittsdenken im Sinn zu haben und whumms, Bombenexplosion, und blam, Pistolenkugel mit radioaktivem Material dran, du meine Güte! Wo war denn die Phase mit den Demos, dem an die Eingangstüren der Forschungsstätten ketten, den selbstgebastelten Protestschildern, wo ist denn die etwas ausformuliertere Begründung für diesen heftigen, über Leichen gehenden Technikhass?



Nach einer Zeit des dahin Siechens diskutieren Evelyn und Kumpel Max das vermeintlich heiße Thema um einen Bewusstseins-Upload im »we could, we shouldn’t, we will«-Verfahren durch, ohne dass sich Caster nur einmal selbst dazu geäußert und ohne das „Transcendence“ notwendige Verhältnismäßigkeiten geschaffen hätte. Der KI-Forscher ist als Charakter so spannend wie ein leerer Desktophintergrund, der schafft keinerlei Erinnerungswert als Dr. Will Caster, das ist bloß Johnny Depp, der einen Typ mit Brille spielt. Im Grunde hängen sämtliche Figuren des Films in einem luftleeren Raum, der keinerlei Fallhöhen schafft, höchstens für Evelyn Caster, die aus ihrer Liebe und dem Unwillen, ihren Mann gehen- und loszulassen die Genese des digitalen Gottes verantwortet. Doch auch das entfaltet keinerlei Auswirkung, denn Pfister schlawinert um konkrete Aussagen herum, sein Film havariert in einer lethargischen »och ja, hm vielleicht…«-Gedankensphäre vor sich hin, ohne zu irgendeinem Standpunkt Stellung zu beziehen. »Och ja, hm, guckt halt Rebecca Hall mal ’n bißchen wehleidiger aus der Wäsche, wird schon genügen…« Genügt aber eben nicht, um den Punkt zu fixieren, an dem Quellcode-Wills Ziele nicht mehr mit einer Vorstellung von Ethik vereinbar sind, deren Grenzen unberührt bleiben sollten.

Nochmal, Fallhöhen: „Transcendence“ zeigt die Entwicklung des digitalen Wills als reinen Gelingensprozess, die Nanotechnologie macht aus dem Computerprogramm einen modernen Jesus, der Kranke heilt und Leiden kuriert. Also wo ist das Problem? Klar, die borgmäßige Kollektivierung sämtlicher Geister, auf die Will körperlichen Zugriff hatte und in die er eindringen und die er „fernsteuern“ kann, setzt „Transcendence“ als den zu weit gegangenen Schritt an, aber im zähen Fluss des Films bleibt’s dabei: what’s the point? Warum keine Rückschläge in der Entwicklung zeigen, die dem ganzen die nötige Fragwürdigkeit einimpfen? Skynet hat nicht auf Anhieb den perfekten Terminator konstruiert. Die Matrix war nicht ideal in der ersten Version. Aber an die wirklich kontroversen Themen wie das anfängliche Scheitern des Versuchs am Menschen oder die Annahme, dass der Planet kollabieren würde, sobald Krankheiten und Tod nicht mehr oder nur stark verzögert für eine natürliche Auslese sorgen, wagt sich „Transcendence“ nicht oder denkt seine Prämisse schlicht nicht so weit: in einer Szene gibt Will einem Blinden nach einem ganzen Leben in Dunkelheit innerhalb von einer nur Sekunden dauernden Behandlung Augenlicht und der Patient verfällt in ungläubige Freude. Aber was ist mit der Überforderung, dem Reizüberfluss, der möglichen Verfänglichkeit, ein darauf eingestelltes Leben aus dieser eigenen Natürlichkeit herauszureißen? Überhaupt kein Thema.



Irgendwie kommt die Annahme ins Spiel, das Will sich mit seinen Möglichkeiten gegen die Menschen wenden könnte, doch dann ist es die R.I.F.T.-Bewegung, die mit Schusswaffen loszieht und unschuldige Menschen niedermäht, die Will sogleich wieder auferstehen lässt. Relativ früh fällt bereits die »People fear what they don’t understand«-These, aber wohin soll das führen im Verständnis des Films? Ausgesparte einzelne Interessenverbände sind es, die Wills Fortschritte zu fürchten hätten, wie die zusammenbrechende Pharmaindustrie oder der Seuchenängste schürende Medienapparat, doch würden die Eltern eines krebskranken Kindes sich Wills Technologie verweigern? Würde in der betroffenen Bevölkerung nicht Freude herrschen über die Vernichtung des Ebola-Virus? Würden es von Naturkatastrophen gebeutelte Gebiete nicht begrüßen, wenn Wills Technik gar den Klimawandel bändigen könnte? Nur drei Gedanken im Pool von Abermillionen Argumenten, die die tranigen Kontra-Gedanken von „Transcendence“ komplett zerbröseln.

Statt smart und weitsichtig ist der Film in vielen Szenen und Abläufen doof und kleinteilig, unlogisch und von schwacher oder gar nicht vorhandener Charaktermotivation bestimmt (Max, der zunächst koinzidenzenmäßig von R.I.F.T. entführt wird, hat sich diesen nach einem Zeitsprung von zwei Jahren plötzlich angeschlossen, während Morgan Freeman und Cillian Murphy als Tech-Guru und FBI-Agent in ihren Ermittlungen [die eigentlich wohin führen sollen?] keinen Schritt weiter sind und sich in der ganzen Zeit scheinbar nicht mal aus ihrem Büro bewegt haben). Auch die Konklusion, die der Anfang bereits vorwegnimmt, ist gewaltiger Stuss und dürfte weit mehr globalen Schaden anrichten und Menschenleben kosten, als Wills Computer-Ich anzustiften in der Lage wäre, wenn der Film denn überhaupt mal auf negative Auswirkungen der ultimativ vernetzten künstlichen Intelligenz eingehen würde. Die Interaktion der Darsteller ist dürftig, das erinnert zum Teil an unbearbeitete Set-Aufnahmen von verunsicherten Schauspielern vor Green Screens, die mit einem Stand In agieren, der als Fixpunkt für eine später digital eingefügte Kreatur einen Stock mit Tennisball dran in die Luft hält, wenn Hall oder einer der anderen sich mit dem Abbild des computerisierten Depp austauschen.

Wertung & Fazit

Action: 1,5/5
Wirkt unmotiviert und ist durch den Kontext nicht gerechtfertigt.
Spannung: 1/5
Der Film baut weder emotionale Bindungen auf, noch entwirft er spannende Charaktere, deren transzendentaler Reise es sich zu folgen lohnen würde.
Anspruch: 1/5
Theorien zu Technik und Fortschritt, die nie das nötige Gewicht bekommen und sich an wirklich komplexe Fragestellungen gar nicht erst heranwagen.
Humor: 0/5
Nope.
Darsteller: 2/5
Kein einziger Sympathieträger innerhalb einer Riege eigentlich durchweg erlebenswerter Darsteller, von denen einige aber nur im Film zu sein scheinen, damit „Transcendence“ noch deutlicher wie ein Christopher Nolan-RipOff wirkt.
Regie: 1,5/5
Ein Gespür für stylische Bilder darf man von einem oscarprämierten Kameramann erwarten, inszenatorisches Geschick nicht zwangsläufig: Wally Pfister gibt nicht mehr als einen Möchtegern-Nolan.
Fazit: 2/10
„Transcendence“ ist ein totaler Systemabsturz, der der Ghost in the Machine-Thematik weder auf technisch-visionärer Ebene und schon gar nicht im emotionalen Kontext etwas Frisches oder Einzigartiges abgewinnt. Kalter Fassadenfilm, hinter dem rein gar nichts steckt.

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3 Kommentare

  1. Da sind wir uns ja ziemlich einig. Habe den Film jetzt auch endlich gesehen und war ähnlich enttäuscht. Meine These (siehe Blog-Post): Für einen Debüt-Film hat sich Pfister das falsche Projekt ausgewählt. Er hätte einen kleinen persönlichen Film ohne allzu großes Budget drehen sollen, um sich als Regisseur zu etablieren.

  2. Lange her, dass sich die Kritik bei einem Verriss eines eigentlich ambitionierten Films so einig war. Nach meinem Dafürhalten ist es inzwischen auch sicher 15 Jahre her, dass Johnny Depp mal zwei gute Filme hintereinander gedreht hat. Entweder Depp hat ein furchtbares Management oder einen furchtbaren Geschmack, oder ihm ist es einfache gal, was er macht, Hauptsache er darf einen funny Akzent haben und bekommt danach einen fetten Paycheck. So viel zu dem Mann, den ich mal zu meinen Lieblingsschauspielern zählte. Schade.

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