TRAUMFRAUEN: Kritik zur Beziehungskomödie mit Hannah Herzsprung & Elyas M’Barek (Blu-ray)

Story

Die Berlinerin Leni Reimann purzelt aus allen Wolken, als sie ihren Freund Phillip während eines Skype-Chats beim Fremdgehen erwischt. Kurz bevor die beiden eigentlich zusammenziehen wollten und Lenis eigene Wohnung nun bereits gekündigt ist. Nach dem ersten großen Kummer und einem kleinen Renovierungsunfall kommt Leni bei ihrer Juristen-Schwester Hannah unter, die gemeinsam mit Freundin Vivienne in einer bunten WG wohnt. Vivienne hat auch sogleich einen Tipp parat, um über den Herzschmerz hinwegzukommen: möglichst schnell mit dem nächsten Typen schlafen, um gleich darauf mit dem nächsten Typen zu schlafen, und möglichst immer so weiter, um sich lieber ins Gefühlschaos zu stürzen, statt in Trauer zu baden. So richtig ist diese Theorie aber nicht Lenis Ding, hilfreicher scheint da bei einem gemeinsamen Nachtclubbesuch schon die Begegnung mit der charmanten Baumarktbekanntschaft Joseph, während Hannah versucht, ihren Gelegenheitsbumms und Kanzleikollegen Constantin dauerhaft auf sich aufmerksam zu machen, Vivienne dem Nudelkünstler und Hundeliebhaber Peter verfällt und die Mama der Reimann-Schwestern nach fünfunddreißig Ehejahren die Trennung von ihrem Mann Karl zu wuppen versucht…

Die Filmkritik

Karoline Herfurth, Palina Rojinski, Iris Berben und Hannah Herzsprung in TRAUMFRAUEN
Der deutsche Film kann sich nicht beklagen, auch wenn sich über ihn und seinen für viele grundsätzlichen Qualitätsmangel gerne und häufig beklagt wird. Doch angeführt von Bully, Schweig/höf/er und M’Barek stellen die einheimischen Produktionen sehr regelmäßig große Kassenhits (wie aktuell den Rehkordä brähchendenn „Fack Ju Göhte 2“) und neben den ewig seichten romantischen Geschlechterkonfliktsfilmchen beweisen mittlerweile auch wieder Genreproduktionen Durchsetzungsvermögen bei Publikum und Kritikern; so gefielen zuletzt zum Beispiel der Thriller „Stereo“, die beißende Büro-Satire des „Stromberg“-Films, der Cyber-Crime-Hack „Who Am I“ und die One Shot-Sensation „Victoria“ auch ansonsten erklärten Gegnern des alemannischen Kinogutes. „Traumfrauen“ indes, das Regiedebüt von „Keinohrhasen“- und „Zweiohrküken“-Autorin Anika Decker, wiedersteht diesem neuentdeckten Drang zu teilexperimenteller Vielfalt und beackert genau jenes Feld, das unter dem permanenten Eingehacke des deutschen Rechens längst um Gnade winselt: die Beziehungskomödie…

Für viele Recken im ‘Schländle ist da schon nach dem Trailer Schluss, der genügt für die »unoriginell, klischeehaft, Frauenfilm«-(Vor)Urteile. Trifft auf „Traumfrauen“ auch alles zu: der ist nicht originell, der verhandelt viele Klischees und eine Gruppe wollbesockter Canapé-Bestefreundinnen mit alkoholischen Sprudelgetränken ist bei Decker und ihrer Schmachtbesetzung besser aufgehoben, als ein gröhlender Haufen Fußballtrikotträger mit intravenösem Bierpullenanschluss. Da ein Zielgruppenzuschnitt aber nichts automatisch Schlechtes ist und solche Genderdenke bloß zu eingeschränkten Horizonten führt, spielt das für mich persönlich und in dieser Besprechung eigentlich gar keine Rolle: die „Traumfrauen“ liegen weit vor den selbstbeweihräuchernden Sepiasättigungen eines Til Schweiger oder Matthias Schweighöfers Product Placement-Produkten wie „Schlussmacher“ und gehören klar zu den besseren bis wenigen guten Beziehungskomödien, die in den letzten Jahren aus Uns Weltmeisterland kamen.
Hannah Herzsprung und Doron Amit in TRAUMFRAUEN
Klar, „Traumfrauen“ behandelt Problemwelten aus den Paarfindungs- und Post-Break Up-Bewältigungsratgeber-Regalen hipper Buchhandlungen, vermarktet Berlin als sonnig-lumineszentes Wunderland mit Minigolfanlage-Hundewelpenunterkunft auf dem Dach eines Nudelkünstler-Lofts, ein Berlin, in dem einen sexy Rockstars in Nobelhotels mit Indoor-Luxuspool statt in ihren ranzigen Van abschleppen und in dem sich Hauptfigur Leni selbst mit einem Café ohne Gäste über’m Spreewasser halten kann – aber warum auch nicht?! Der Film ist seicht und locker, ohne einen Hauch von Schwere und schwertuender Bedeutung, „Traumfrauen“ ist bunt, romantisiert und überzeichnet, die Dreieinhalbmillionen-Metropole schrumpft zu einem komprimierten Handlungs- und Personenmikrokosmos mit fluffiger Songauswahl, die verwobene, klar vom Willen des Scripts und nicht dem „echten Leben“ geleitete Episodenstruktur hat Tempo und Flow.

An einigen Stellen reflektiert Decker sogar die eigenen Traumfrauen- und –prinzen-Klischees (wenn auch um Himmelsweiten nicht so gekonnt wie David O. Russells Meta-RomCom „Silver Linings Playbook“ oder der entsprechende Part der a cappella-Comedy „Pitch Perfect“) und ironisiert die Bilder der liebe- und sexbedürftigen Berliner/innen. Einige Dialoge hat Decker gut gezuckert, gesalzen und gepfeffert, auch wenn die Ausstattung ihres Gewürzregals nicht für jeden Satz des Drehbuchs gereicht hat, das aber trotz der ganzen „Frauen bla, Männer blubb“-Tiraden weit über dem Mario Barth-Niveau der Geschlechterunterschiede liegt und nicht nur darüber Witz zu ziehen versucht. Der liegt manchmal eher im Hintergrund, etwa wenn ein Filmstudent dem ehemaligen Kinderstar Joseph offenbart, nur wegen ihm und Regie-Legende Jean-Luc Godard seinen Studienweg eingeschlagen zu haben. Und das Joseph-Darsteller Elyas M‘Barek in „Traumfrauen“ als stigmatisiertes Grinsegesicht aus dem Jugendfernsehen im Erwachsenenalter keine Rollen mehr bekommt und sich als Amateur-Tarotkartenleger am Telefon versucht kann man auch durchaus als bewusstes Augenzwinkern deuten, spielt M’Barek in Wahrheit schließlich nahezu überall mit, wo in Deutschland eine Kamera aufgebaut wird.
Palina Rojinski und Karoline Herfurth in TRAUMFRAUEN
Angenehm selten verstricken sich die „Traumfrauen“ in Zoten und geriatrische Kalauer; der vielgescholtene und auch auf Cellurizon im Zuge der Trailer-News kräftig verschmähte »Ich glaub ich hab das Internet gelöscht«-Gag mag überalterter sein als Windows 95, er stammt in seiner ganzen sprachlichen und technikunverständigen Unbeholfenheit aber immer noch direkt aus der Mitte der „the old folks are losers, they can’t work computers“-Bevölkerungsschicht, in der Iris Berbens Figur angelegt ist. Die Mittsechzigerin entstammt mit dem halb so alten Trio aus Hannah Herzsprung, Karoline Herfurth und Palina Rojinski ansonsten dem Klischee der Frau, die ohne Mann nicht kann, doch nichtmal dieses oft hinterfragenswerte Bild ist in „Traumfrauen“ unbedingt problematisch, denn machen wir uns nix vor: auch wenn er hier geballt auftritt, es gibt diesen Typ Frau, der ohne Mann am Arm schwer klarkommt, bei dem sich im Minutentakt verliebt und taschentuchtriefend gelitten wird, sofort der Hormonhaushalt bebt und die Vernunft aushebelt, Blauäugigkeit, Verklärung und Idealisierung im Guten wie im Schlechten übernehmen. Doch, wie erwähnt, eine sympathische Ironisierung, auch wenn die in diesem Zusammenhang gerne etwas feiner hätte ausfallen dürfen, kann man Deckers „Traumfrauen“ nicht absprechen. Und sowieso: ein Bedürfnis nach Nähe und Liebe ist kein Zeichen von Charakterschwäche oder Unabhängigkeitsunfähigkeit, liebe Schwinger der Sexismuskeule…

Würden Frauen sich nicht in Männer verlieben und umgekehrt, hätte diese Art von Film nunmal überhaupt keine Storygrundlage, bei aller schätzenswerter Vielfalt kopulativer Zwei- oder Mehrsamkeit ist diese konservative Kombination eben doch nicht outgedatet. Es wäre zwar schön, wenn eine Mainstream-Produktion wie „Traumfrauen“ ganz natürlich eine schwule oder lesbische (Teil)Sicht einnehmen würde, aber solange wir noch in Zeiten leben, in denen homosexuelle Perspektiven keine Selbstverständlichkeit sind, müssen Filme mit mehr Relevanz her, ehe ein Film wie „Traumfrauen“ diese hoffentlich irgendwann einkehrende Selbstverständlichkeit banalisieren kann. Eine promiskuitive Quotenlesbe hätte hier nämlich gar nichts bewirkt, höchstens in der Boulevardpresse für eine billige Schlagzeile gesorgt. Ob Mann ob Frau, ob Frau ob Mann, bei Decker springen ohnehin nicht die Glühbirnen der Erkenntnis an, also soll sie es ruhig bei dem belassen, woraus sie persönlich und umfeldgeneriert ihre Schlüsse und Szenen und Dialoge ziehen kann. Unangemerkt soll allerdings nicht bleiben, dass sich die Autorin/Regisseurin bei der huschigen Ulle Herfurth um deutlich mehr Charakter hätte bemühen müssen, denn deren bis zur bananenschluckenden Oralsexübungs-Selbsterniedrigung getriebene Figur ist dann doch sehr zweifelhaft geraten in ihrem Bemühen, einem schleimigen Schnösel und seinen Rammelvorlieben zu gefallen.
Traummann - Elyas M'Barek und Hannah Herzsprung in TRAUMFRAUEN
„Traumfrauen“ ist natürlich kein überragend guter Film und Decker keine von A bis Z versierte Regisseurin oder den Komplex Mensch und Beziehung völlig neu entschlüsselnde Autorin. Im Gegenteil, trotz des bis hierhin positiven und verständnisvollen Tenors dieser Besprechung offenbart sie sogar deutliche Schwächen im Handling ihrer verwobenen Geschichte, wenn zum Beispiel die Figuren sich innerhalb der Storys und Subplots der anderen nicht konsequent verhalten und Decker nur um die Traumfrau weiß, die gerade im Zentrum steht, während alle anderen nur daneben arrangiert werden, weil sie halt auch im Film mitspielen. Die Komprimierung der Ereignisse, Handlungsorte und Verknüpfungen ist zudem stark überdehnt, da kann selbst „Tatsächlich… Liebe“ in seinen Kreuz- und Querverbindungen nicht mithalten. Das bügeln dann aber die Darsteller aus, die ihre wie erwähnt nicht immer konsequent erzählten Figuren mit Freude und Leben erfüllen, manchmal am Nervenkostüm schrappeln, aber trotzdem für eine nette Zeit sorgen. Was nicht nur auf die Damen zutrifft: Elyas M’Barek ist unverschämt charmant und dieser einfühlsame Traumtyp mit Makel steht dem Österreichtunesier viel besser, als der Prollarsch in den „Fack Ju Göhte“s. Mit M’Barek, dem reibeisenstimmigen Hundenarr Frederick Lau, sowie Gastauftritten von Bully als gechillter Baumarkthippie, Christian Tramitz als Computerkurs-Date oder Max von Thuns Kanzlei-Schleimsack und Doron Amits Kuschelrocker mit delikatem Geheimnis wird die maskuline Seite noch gröber als die feminine überzeichnet. Und so ist „Traumfrauen“ eine vergnügliche deutsche Beziehungskomödie. Bämms. Warum auch nicht?!

Wertung & Fazit

Action: 0/5

Kein Kriterium.

Spannung: 1/5

Nun wirklich nicht. Steuert auf den üblichen Irrungsumwegen auf ein gegönntes Happy End zu.

Anspruch: 0.5/5

Der Film macht keinen Mann schlauer, wenn er von Frauen eh keine Ahnung hat. Seicht und romantisiert präsentiert sich das Bild konservativer Paarbindungen.

Humor: 2/5

Die Trefferquote der Gags ist unregelmäßig, der Ton des Films aber meist sympathisch und nur selten mit Ausschlag in nervige Humor-Extreme. Hier und da sogar bemerkenswert ironisch gewürzt.

Darsteller: 4/5

Füllen nicht immer stabile Rollen überwiegend charmant und treffend aus. Passt alles.

Regie: 3/5

Hübsche Menschen hübsch temporeich inszeniert, nicht immer ganz entschlossen, was den Erzählrhythmus und die Gefühlslage ihrer Protagonisten angeht. Für’s Genre trotzdem eine überdurchschnittliche Regieleistung.

Film: 7/10

Tja, sorry an alle, die an dieser Stelle einen Verriss erwartet hatten, aber ich mochte diesen Film in seiner ganzen bedeutungslosen Fluffigkeit. Der Flow stimmt, die Darsteller machen einen sehr charmanten Job und so hat man(n)’s hier mit einer der seltenen überwiegend gelungenen deutschen Beziehungskomödien zu tun. Nochmal: warum auch nicht?!

Bei Amazon.de bestellen

4 Kommentare

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.