UNBROKEN: Kritik zu Angelina Jolies Kriegsdrama mit Jack O’Connell (Blu-ray)

UNBROKEN: Kritik zu Angelina Jolies Kriegsdrama mit Jack O'Connell (Blu-ray)

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Story

Der Zweite Weltkrieg, 1943: der begabte Leichtathlet Louis Zamperini ist nach einem Aufsehen erregenden Lauf bei den Olympischen Spielen 1936 mittlerweile an Bord eines Bombers stationiert, die Sportlerkarriere verdrängt vom Pazifikkrieg der alliierten Streitmächte gegen Japan. Auf einer Rettungsmission über offenem Ozean stürzen Zamperini und die Crew der Green Hornet nach einem technischen Versagen der Maschine ab und lediglich drei Männer der Besatzung überleben das Unglück. Nach 47 Tagen auf dem erbarmungslosen Meer, zwischen Hunger und Durst, Haien und Attacken feindlicher Flugzeuge, werden schließlich Zamperini und der Pilot Russell Phillips lebend von japanischen Soldaten aufgegriffen und geraten in Kriegsgefangenschaft. Nahe Tokio wird Zamperini in das Gefangenenlager Ōmori deportiert – und hier beginnt das wahre Martyrium des ehemaligen Olympioniken, der gezielt ins Visier des Unteroffiziers Mutsuhiro Watanabe gerät, der keinerlei Gnade mit den US-Soldaten kennt und seine Machtposition für sadistische Psychospiele und brutale Folterungen ausnutzt. Doch Zamperinis Wille scheint unbrechbar…

Der Film

Torrance Tornado - Jack O'Connell als Louis Zamperini in UNBROKEN
Keep your friends close but your enemies closer? Klar, im Hause Corleone vielleicht. Im kriegshistorischen US-Film aber eher nicht, dessen meist undifferenzierte Darstellung verfährt nach einem anderen Grundsatz: keep your heroes clean and demonize your enemies. Ein Projekt wie Clint Eastwoods „Flags of Our Fathers“ und der Gegenfilm „Letters from Iwo Jima“, die dieselbe Schlacht um die Schwefelinsel Iwojima während des Pazifikkrieges einmal aus US- und einmal aus japanischer Sicht schildern, sind ein seltener Wille zur Bemühung um Grautöne und Ambivalenzen, wo üblicherweise klare Gut/Böse-Bilder herrschen. Der tapfere, patriotische Heldensoldat gegen den unzivilisierten, barbarischen Feind. Eine außergewöhnliche Heldenstory aus den USA ist der Lebens- und Leidensweg des Italo-Amerikaners Louis „Louie“ Zamperini, der sich gleich auf mehreren Hoheitsgebieten seinen Herosstempel verdiente: der laufende Sportsheld, der durchhaltende Survivalheld, der unbeugsame Kriegsheld.

Angelina Jolie widmet diesem Mann und seiner bemerkenswerten (Über)Lebensgeschichte mit „Unbroken“ das verdiente filmische Denkmal, legt bei ihren Leiden des jungen Zamperini, basierend auf Laura Hillenbrands biographischem Buch „Unbroken: A World War II Story of Survival, Resilience, and Redemption“, aber überhaupt keinen Wert auf Parteilosigkeit. Jolies Film ist eine polierte Lackschicht über inhaltlicher Mattheit, die zweite Regiearbeit der humanitär engagierten UN-Sondergesandten nach dem Jugoslawien-Bürgerkriegsdrama „In the Land of Blood and Honey“ ist versiert inszeniert, mit der Konzentriertheit und dem Bilderbewusstsein des großen Eastwood vorgetragen, der Jolie in „Changeling“ in Szene setze. Doch hinter Jolies klassischer Regie und Roger Deakins‘ edler Kameraarbeit entsteht neben der Verehrung als uramerikanisch prädikatisierter Charaktereigenschaften Zamperinis kein ausgefülltes Portrait, nicht von ihm, nicht von seinen Gefährten, schon gar nicht von seinen Feinden.
Finn Wittrock, Domhnall Gleeson und Jack O'Connell in UNBROKEN
„Unbroken“ bürdet seinem Helden von den ersten Einstellungen an einen test of will nach dem anderen auf, unter deren Bürden, Verlusten, Schmerzen und Entbehrungen Zamperini alle Wesensmerkmale entwickelt, mit denen Jolie einen geradezu christlichen Leidensweg zeichnen kann, Passionsspiele mit Soldaten in einem japanischen Kriegsgefangenenlager, Jesusposen inbegriffen. Wobei Zamperini sogar dem Gottessohn mit seiner Duldungsstamina das Kreuz streitig macht. Man muss weder atheistisch noch glaubenskritisch veranlagt sein, um „Unbroken“ dabei nicht auf den Leim zu gehen, in fast 140 Minuten schaffen Jolie und die Drehbuchautoren Joel und Ethan Coen (ja, DIE Coens), Richard LaGravenese und William Nicholson es nämlich nicht, wirkliche Persönlichkeiten aus den Instrumenten dieser WWII-Torture Tour heraus zu gestalten. Vor allem die Dialoge sind hierbei ein Schwachpunkt des Films: mehrzeilige Gespräche kommen eh kaum zustande, zergehen aber ohnehin schnell in Phrasen und Parolen und ein simples Durchhaltemantra, das mal eben vom Leben auf den Sport auf den Krieg auf die Gefangenschaft angewandt wird, dazu ein eiliges Glaubensbekenntnis und Mamas Gnocchirezept, schon lässt sich jeder Schlag wegstecken.

Hartes Leid und ein solches Martyrium, wie Zamperini es durchgemacht hat, wird jedoch nicht nachempfindbarer, indem man es bläht bis zu Besinnungslosigkeit, sondern indem es in einem Verhältnis zu etwas steht; um Peinigung überhaupt erstmal erleben zu können will Fühlen gelernt sein und da hat „Unbroken“ über den Menschen Louis Zamperini und dessen Gefühlswelten nicht viel zu sagen. Die Darsteller, allen voran Jack O’Connell, geben noch ihr Bestes, um diesen Martermarathon zu bewältigen, der junge Brite legt sogar eine ziemlich herausragende Leistung hin, nur ist’s halt ein two-trick pony: leiden-durchhalten, leiden- durchhalten, leiden-durchhalten. Der Film hätte das Heldenbildnis Zamperinis nicht gleich demontieren müssen, ihm aber mehr Facetten abgewinnen können, es näher an ihm ausrichten sollen statt es vage und allgemein in der falschen Tonlage runterzusingen.
Miyavi als Mutsuhiro Watanabe und Jack O'Connell in UNBROKEN
Mit einigen Szenen mehr und manchen weniger hätte „Unbroken“ ein würdigeres Portrait anlegen können. Warum zeigt der Film überhaupt, wie Zamperini im Jugendalter seiner Herkunft wegen diskriminiert und in Prügeleien verwickelt wird, warum wird zum Beispiel seine Leidenschaft und der Erfolg im Laufsport in anderthalb Flashbacks abgehandelt, wo sich im Folgeschluss dieser Montagen doch ein starker Widerhall in die Doppelmoral amerikanischer Gegenwart im Umgang mit Schwarzen oder Hispanos zwischen dem alltäglichen Rassismus und sportlicher Volksseele fände: auf unseren Straßen wollen wir euch nicht, aber wir feiern euch, wenn ihr unsere Körbe werft, unsere Touchdowns erzielt, unsere Weltrekorde aufstellt. Gut, so weit müsste „Unbroken“ nichtmal gehen. Aber Zamperini später als Urpatrioten hinzustellen, der selbst mit Aussicht auf Straferlass kein antiamerikanisches Wort zu verlieren und sich nicht als Propagandainstrument der Japaner einsetzen zu lassen bereit ist, worauf der Film entgegen der historischen Akkuratesse eine der härtesten und schwer erträglichsten physischen Zermürbungen folgen lässt – das ist dramaturgisch unglaublich plump und fehlgedacht.

Dass der Krieg Zamperinis Olympia-Hoffnungen erst durchkreuzte und schließlich für immer zerstörte, dass ihm bei den Spielen 1936 in Berlin Adolf Hitler persönlich zu seiner Aufsehen erregenden Rekordrunde gratulierte, dass sein Wunsch nach Rache an den japanischen Peinigern irgendwann in eine Haltung der Vergebung umschlug (Zamperini schloss sich nach dem Krieg der christlichen Erweckungsbewegung an), das sind alles Aspekte und Ereignisse, die „Unbroken“ unterbetont, komplett ausspart oder in eine Abspannmontage mit Texttafeln verlegt, die den Film aber um viele Facetten hätten färben können. Dieser Louis Zamperini war unbrechbar, doch das stellt „Unbroken“ lediglich als Tatsache aus und ergründet es nicht. Noch undifferenzierter geht der Film mit dem Bild des Bösen um, keep your heroes clean and demonize your enemies: nebenher wird von einem Mitgefangenen der verletzte Stolz des Disziplinaroffiziers Mutsuhiro Watanabe erwähnt, der nach Kriegsende als einer der brutalsten Kriegsverbrecher des Landes gesucht wurde. Hinter dem verbirgt sich eine durch Ehrverletzung und Degradierung ausgelöste Kehrseite des Patriotismus, die der vom Mitglied der Kaiserlichen Garde zum Gefangenenaufseher herabgesetzte Watanabe auf sadistische Weise an den Kriegsgegnern ausließ und in schwer psychopathischen Zügen zwischen wohlwollender Be- und gnadenloser Misshandlung schwankte, ein Verhalten, das nur aus persönlichen Machtinteressen des eigentlichen Lagerkommandanten geduldet wurde. Was von diesem Watanabe in „Unbroken“ bleibt ist hingegen ein einfacher Folterknecht.
Physische Folter - Jack O'Connell in UNBROKEN
Ein Folterknecht, der im in alle Richtungen überhöhten Schlussakt im Angesicht der amerikanischen Ausdauer und Resilienz seiner eigenen Schande gewahr wird, erzittert und erbebt ob der Gloriosität und der Erkenntnis, stars’n’stripes nicht brechen zu können und oh mein Gott, wie hart zu weit geht „Unbroken“ mit diesem letzten test of will, dieser ultimativen dramaturgischen Spitze der Unbeugsamkeit Zamperinis… Aus dem, was der größte Moment des Films sein soll, wird eine unangenehme Scharade, die mit Gesten und Mimik den gesamten Konflikt des Zweiten Weltkriegs zwischen den USA und Japan pantomimisiert und der eigentlich nur noch ein paar zackige Militärgrüße der american pride-geschwollenen Mitgefangenen und eine wehende US-Flagge fehlen. Bis zu diesem Moment verfehlt Jolie nicht die Möglichkeiten, in einem nicht voll funktionsfähigen Film dennoch für einige packende, mitreißende und erschütternde Momente zu sorgen, aber am Ende gehen dann doch die Gäule der blinden Verehrung eines Heldenmutes durch, der zu vage umrissen ist, um eine solche Sequenz stemmen zu können.

Action: 2/5
Beginnt gleich mit Bomberkampf und Flakfeuer, ansonsten dominiert die Kriegsaction den Film nicht, ist aber intensiv eingefangen.
Spannung: 1/5
Selbst wenn man von Louis Zamperini noch nie etwas gehört hat ist ein Spannungsbogen nicht unbedingt gegeben. Dauerfolter wird halt irgendwann eher monoton als mitreißend.
Anspruch: 2,5/5
Historische Fakten opfert der Film teils zu dramaturgischen Zwecken oder sortiert sie dafür um.
Humor: 0/5
Kein Kriterium.
Darsteller: 4,5/5
Jack O’Connell liefert an sich eine bemerkenswerte Leistung, es ist aber auch kein Wunder, dass es trotz einer nach Auszeichnungen schreienden Rolle in einem nach Auszeichnungen schreienden Film nicht für große Auszeichnungen gereicht hat, denn dafür fehlen einfach die Facetten einer echten Persönlichkeit.
Regie: 2/5
Angelina Jolie inszeniert klassisches Hollywoodkino, ist dabei aber zu sehr auf eine oberflächliche Gut/Böse-Betrachtung fixiert, die Louis Zamperinis Willensleistung ausstellt, aber nicht ergründet.
Fazit: 4/10
Torture Porn im Zweiten Weltkrieg als monodimensionales Heldenlied auf amerikanische Ideale. Technisch ist das tadellose Sterneküche, erzählerisch aber mit fadem Beigeschmack. Eine Wikipedia-Recherche genügt schon für die Feststellung, dass „Unbroken“ weit facettenreicher hätte ausfallen können, so ist’s nur ein fehlgeleiteter Aufbaufilm, der mit seiner Dauerfolterdurchhalte-Narration mehr zermürbt als aufrichtet und seine bildkompositorische Schönheit den falschen Zwecken zuführt.

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