UNDER THE SKIN: Kritik zum außergewöhnlichen SciFi-Drama mit Scarlett Johansson (Blu-ray)

Story

Eine einsame Frau reist mit dem Van durch Schottland, spricht Männer an, fragt nach dem Weg, manche lässt sie weiter gehen, anderen bietet sie eine Mitfahrgelegenheit an, bezirzt und verführt die Männer, nimmt sie mit in ihr Haus – und niemand wird auch nur einen von ihnen jemals wiedersehen. Denn die Begierde der Frau ist nicht die Lust nach Fleisch, es ist das Fleisch selbst, das sie, lediglich als Mensch getarnt, nicht zu ihrer Befriedigung anlockt, sondern um es zu ernten. Für eine unbekannte Lebensform, die nur Besucher auf der Erde ist…

Die Filmkritik

985 Fans hat die im April 2014 eröffnete Facebook-Page „Under The Skin im dt. Kino, jetzt“ inzwischen gesammelt, besorgte Cineasten und Verfechter der Leinwandkultur, die im Interessenkonflikt mit dem deutschen Vertrieb durch die SENATOR Entertainment AG dagegen vorgingen, dass ihnen das schwer experimentelle SciFi-Drama „Under the Skin“ trotz der potenziellen Zugkraft einer Scarlett Johansson in der Hauptrolle in den Lichtspielhäusern vorenthalten werden sollte. Das offizielle Statement, wonach „Under the Skin“ »ein Film für Liebhaber der Filmkunst, aber weder typischer Mainstream, noch typisches Arthaus« und entsprechend schwer zu vermarkten und an ein Kinopublikum zu verkaufen sei, sorgte nicht wirklich für beruhigte Gemüter, doch immerhin ein Teilerfolg wurde nach solch anfangs eher ernüchterndem Schriftverkehrt und den Festival-Runs des Films erreicht und so läuft „Under the Skin“ mittlerweile zumindest in ein paar ausgewählten Kinos, erscheint aber weiterhin wie geplant am 10. Oktober auf Blu-ray und DVD, also für’s vergleichsweise schnöde Heimerlebnis zugänglich.

Kann man sich freilich drüber streiten, ob das nun ein weiterer Schritt Richtung des Untergangs der deutschen Kinokultur ist, wenn sich ein Publikum lediglich in zwei konträre Positionen gliedern lässt, dazu in begrifflich mittlerweile eher negativ behafteten Ecken, und für Filme irgendwo dazwischen kein Platz sein soll, oder ob da nur ein paar hundert Kulturschnösel quakenden Empörismus betreiben, während sie ihre Nickel- und Hornbrillen zurecht rücken und Kunst der eigenen Doktrin entsprechend nur im dafür vorgesehenen Habitat, also dem abgedunkelten und außenweltseparierten Raum des Kinos, zu rezipieren bereit sind. Das ist wohl beides genauso extremistisch zu weit gedacht, wie die Kategorisierung eines Films in entweder „typisch Mainstream“ oder „typisch Arthouse“… Die Frage ist also eher: ist das Werk die Aufregung wert? Sind die erstaunlichen Kritiker- und Publikumsreaktionen aus den USA und Großbritannien Beleg eines außergewöhnlichen Films oder eines oft erlebten Hypes um etwas nicht so ganz konformes…?… Nee, irgendwie sind das auch nicht die Fragen, zumindest nicht die, die NACH „Under the Skin“ bleiben.

Jonathan Glazers „Under the Skin“ klingt wie die männermordende Sil aus „Species“ auf Schottland-Tournee, ist von einem herkömmlichen Body Snatching-SciFi-Horror aber weiter entfernt, als Scarlett Johansson von einer Nichtplatzierung unter den Top 100 der Sexiest Women Alive. Und ebenso ist dieser Film an sich von Fragen nach seiner Güte und seinen Qualitäten und seiner Rolle im kulturellen Gemenge zwischen Kunstwerk und Herkömmlichkeitskost vollkommen loszulösen. Wie bei einem David Lynch kann man nur erfühlen, höchstens interpretieren, nicht aber verstehen, was die langen dialoglosen Passagen aussagen sollen, was einem da in den ersten Minuten entgegen treibt, ein Blick in die tiefste Schwärze, phallische Bewegungen, aus Dunkelheit, Formen und Licht entsteht ein Auge und ein Körper, die Transformation eines Alienorganismus in eine menschliche Gestalt oder was ist da los, während die Tonspur kreischt und sirrt und kreischt…

„Under the Skin“ ist ein Erfahrungsfilm, den man am nächsten Morgen unmöglich jemandem verbal beibringen kann, der ihn nicht selbst erlebt hat. Eine Isolations-Parabel, ein sexuemotionales Auf- und Ausbrechen aus einer vorgegebenen Form und Verpflichtung, das Erforschen von Verführung und Verführbarkeit, des rein äußerlichen Reizes über einem konturlosen, empfindungslosen Inneren, abgespalten von Fürsorge, Mitleid, einem Gedanken von Pluralität. Das namenlose Scarlett-Alien als zirkuläre VerKÖRPERung, gefesselt am Wiedergang der Ereignisse und ihrer Fremdheit unter den Menschen. Es ist ein grausiger Anblick, verstörender als jedes weltenvernichtende Invasionsbild aus „Independence Day“ oder „War of the Worlds“, wenn die Aliens ein flehentlich schreiendes, schutzloses Kleinkind an einem gischtschäumenden Strand teilnahmslos zurücklassen, in dessen brandenden Gewässern soeben die Eltern ertrunken sind.

Sie wahren Anonymität, die Fleischerbeuter, suchen sich ihrerseits nur die Abgespaltenen, die Ausgestoßenen, jene Männer, die auf den Straßen in keine bestimmte Richtung unterwegs sind, auf die niemand wartet und die nichts zurücklassen, bis auf ihre Haut, gespenstisch treibend in einem wabernden Meer, in dem aus einem Wunschtraum, einer Verführung, der Lust auf einen wogend geschwungenen Körper das Versinken in die Dunkelheit folgt. Und während zwei vage Lichterscheinungen die Außererdlichkeit der Johansson und ihres Begleiters auf dem Motorrad (eine Art Cleaner, der die letzten Überbleibsel einer geraubten Existenz beseitigt) andeuten, scheint die Idee von „Under the Skin“ wenig mit Fiction zu tun zu haben: diese Aliens sind unter uns, diese Gefühlskälte ist Allgegenwart, die Abstumpfung, das Empfinden von Lust ohne Liebe, das Straßen voller Menschen für jeden einzelnen zum einsamsten Ort auf der Welt macht, doch wo vereinzelnd Mitgefühl, Anteilnahme sprießen: sie helfen dem Scarlett-Alien auf, als es stolpert. Sie schließen es vertraut in den Kreis ihrer Gruppe, als sie ihm vor der Disco begegnen. Sie bieten ihm Hilfe an, als es verzweifelt und desorientiert wirkt.

Das physio-amorphe Wesen erlebt unerwartet eine Mensch- und Frauwerdung, wie ein Glyzerin entzünden sich unter der Scarlett-Hülle Neugierde und ein Körperbewusstsein, das ihr Äußeres nicht mehr nur einsetzt, sondern seine Reize zu erforschen und zu verstehen beginnt, Scham entdeckt und sexuelle Gewalt kennenlernt. Jonathan Glazer fasst das in ein visuelles Gewand, das mit den Augen nicht gänzlich zu erfassen und mit dem Verstand allein nicht zu begreifen ist, „Under the Skin“ muss erfühlt werden, wenn man sich denn darauf einlassen kann. Dazu gehören Stimmungsbilder, die kratzen und zerren, schleifen und sich festkrallen, es gehört dazu, dass der Film bedrückt und zermürbt, dass er in seinen Surrealitäten abstößt, dass er eine Strapaze ist. Alles keine Begriffe, mit denen der Casualgucker einen gelungenen Film synonymisert. „Under the Skin“ zu erleben heißt Mühe durchlitten, nicht Erholung genossen zu haben. Ob man dabei am Ende etwas gewonnen oder nur zwei Stunden Zeit verloren hat – das muss jeder selbst entscheiden…

Wertung & Fazit

Action: 0/5

Kein Kriterium.

Spannung: 4/5

Könnte man auch unter „kein Kriterium“ buchen, beziehungsweise Gegenbegriffe wie „langatmig“ oder ermüdend aufgreifen – aber die Reise des Scarlett-Aliens ist auf ihre Weise vielmehr eines der spannendsten Erlebnisse des Jahres!

Anspruch: 5/5

Ein Film, dem nur interpretativ beizukommen ist und der alles oder nichts und vermutlich jedem was anderes sagen kann.

Humor: 0/5

Kein Kriterium.

Darsteller: 5/5

Ein allgegenwärtiger Weltstar wie Scarlett Johansson kann selten ganz hinter einer Rolle verschwinden, hier funktioniert es aber: die äußere Schönheit ist bloße Fassade, was die Johansson aus dem Inneren der Kreatur herauskehrt ist phänomenal gespielt.

Regie: 5/5

Meisterhaft auf eine Art ohne Vergleichsmuster: Jonathan Glazer liefert etwas Einzigartiges und weder einen „Species” für Arthouse Snobs, noch bloßen surrealen Irrsinn.

Film: -/10

Keine Wertung. Das ist kein Film, den man mit einer nackten Zahl beziffern kann und ihn damit einem Maßstab oder einer Vergleichbarkeit aussetzt, die hier nicht anwendbar sind.

3 Kommentare

  1. Über diesen Verleihblödsinn muss man nicht reden. Der großteil der jedes Jahr erscheinenden Filme ist weder typisch Mainstream noch typisch Arthouse, und das sind oft die besten.

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