UNTER BEOBACHTUNG – CLOSED CIRCUIT: Kritik zum Justiz-Thriller mit Eric Bana & Rebecca Hall (Blu-ray)

Story

Ein verheerender Anschlag erschüttert London: ein belebter Marktplatz im Herzen der Stadt wird Ziel einer Sprengstoffattacke und 120 Menschen kommen bei dem blutigen Attentat ums Leben. Gefasst wird anschließend der Terrorist Farroukh Erdogan, mutmaßlicher Drahtzieher und einziger Überlebender der verantwortlichen Gruppierung. Da der Fall gravierende Bedeutung für die nationale Sicherheit besitzt findet Erdogans Prozess zweigeteilt statt: der öffentliche Teil der Verhandlung als proklamierte Zurschaustellung der Urteilsfindung, der geschlossene Teil hingegen sondiert die Beweislage brisanter Informationen, die nur nach Ermessen des Richters Teil des publiken Prozesses werden. Nach dem Selbstmord eines Kollegen rückt für die öffentliche Verhandlung der Rechtsanwalt Martin Rose als Erdogans Verteidiger nach, während die Juristin Claudia Simmons-Howe als Special Advocate hinter verschlossenen Türen bereits am Fall arbeitet und in den abgeriegelten Sitzungen jene Informationen erhalten wird, die Rose vorenthalten bleiben. Beiden ist daher ein strenges Kontaktverbot auferlegt, um jeglichen Informationsaustausch zu unterbinden – doch nicht nur teilen Claudia und Rose eine gemeinsame Vergangenheit, auch stößt er bereits von sich aus auf einige erschütternde Indizien, die den Fall in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen. Plötzlich wird die Lage für die Verteidiger selbst brandgefährlich…

Der Film

Big Brother is watching us: die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden über die wahrhaftigen Ausmaße weltweiter Überwachung und der Abhörskandal um die NSA sprengten jüngst selbst noch die misstrauischsten Theorien mit empörenden praktischen Erkenntnissen über eine Ungleichmachung in den Rechten von Staat und Person und den Entzug von Privatsphäre für ein „höheres Wohl“. Auch der justiziarische Terror-Thriller „Unter Beobachtung – Closed Circuit“ bedient sich beim Element der Verfolgungsparanoia, längst eine Gegenwartsreflexion, wo Stoffe wie George Orwells „1984“ einst erschreckende Zukunftsvision waren, manchmal zynisch überhöht und grotesk karikiert wie in Terry Gilliams „Brazil“. Für „Closed Circuit“ müssen Autor Steven Knight und Regisseur John Crowley nichtmal mehr die Fiktion von Totalitarität bemühen, sondern einfach London als Handlungsort wählen, immerhin ist die britische Hauptstadt dicht besiedelt von Überwachungssystemen und erfasst durchschnittlich jeden Bürger täglich gut dreihundertmal in den Straßen, Verkehrssystemen und an öffentlichen Orten. Da übertrifft die Realität längst die grausigsten Vorstellungen von ständiger Beobachtung, an der es kein vorbei gibt.


UNTER BEOBACHTUNG Ciaran Hinds Eric Bana


Symbolträchtig rudert Hauptdarsteller Eric Bana in seiner ersten Szene über die Themse, altehrwürdig ragt hinter ihm der Palace of Westminster auf, das politische Machtzentrum des Landes, gegen das Banas abgebrühter Anwalt Martin Rose anzurudern beginnt und doch nicht mehr auszulösen imstande sein kann, als eine kleine, unbedeutende Wellenbewegung in seiner Nähe. Nett getroffenes Bild, gleichzeitig aber auch ein früher Indikator für den hohen Konventionsgehalt von „Closed Circuit“: wie oft hat man das schon gesehen, dass der Protagonist solcher Polit-Thriller-Geschichten als einsamer Grübbler bei irgendeiner sportlichen ease my mind-Tätigkeit eingeführt wird?! Gab’s das überhaupt schonmal anders? Bei aller Brisanz und mit der mühsam in ihr Gewinde findenden und erst spät anziehenden Spannungsschraube bleibt der Film ein stets an konventionellem Aufbau ausgerichtetes Gebilde. Die wenig rechtschaffenden Machenschaften eines Rechtsstaats, der vor allem sich selbst schützt, wacker für die Integrität der eigenen Werte eintretende Handlungsträger auf beiden Seiten, die Verschiebung anfänglicher Schwarz-Weiß-Schemata in Grauzonen der Verfassungsrechtlichkeit, dazu ein paar Wendungen und »oh weia«-Momente…

…fertig ist das solide Genrewerk. Mehr aber nicht. Der reglementierte Erhalt von Informationen, den das zweigeteilte Prozessmodell der öffentlichen und nichtöffentlichen Anhörungen entwirft, verpufft irgendwann ohne Wirkung, statt für dramatischen Zündstoff zwischen den Barristern Rose und Simmons-Howe zu sorgen und so bleibt die Chance auf ein weit ausgeklügelteres, noch bissigeres Spiel um die Wahrheit um der Wahrheit willen und jener Wahrheit, die die nationale Sicherheit unangetastet lässt, ungenutzt liegen. Auch aus den Charakteren hätte man da mehr rausholen können, die „wir hatten mal was miteinander und können uns jetzt nicht mehr auf’s Fell gucken“-Krittelei zwischen den Rechtsvertretern wirkt hingegen fehlplatziert, Screwballbagatellen vor dem Hintergrund eines erschütternden Terroraktes und eines anschließenden Gerichtsverfahrens, dessen Auswirkungen für eine innerstaatliche bis globale Erschütterung in den Fragen um Überwachung und Schutz sorgen könnten – das passt einfach nicht.


UNTER BEOBACHTUNG Rebecca Hall Eric Bana


Die (Verun)Sicherung durch die allgegenwärtige Überwachung, das allsehende Auge vermittelt „Closed Circuit“ mit seinem steten Wechsel in entsprechende Kameraperspektiven hingegen recht gut und manchmal tatsächlich beklemmend, wenn die unübersichtliche Weite einer belebten Großstadt, in der es so leicht scheint, jemanden zu verlieren, beziehungsweise unterzutauchen, doch wieder in der Enge und Eingegrenztheit eines Objektivs, eines Zooms gefangen wird. Eine unsichtbare Gefangenschaft in gläsernen Wänden, die sich ständig enger um Rose und Simmons-Howe schließen, was doch für einige Spannungsspitzen sorgt, ein ums andere Mal allerdings am schnellen Schnitt woandershin und hektischem Weggeblende leidet, immer dann eingesetzt, wenn der Film gerade keinen plausibleren Ausweg finden kann. Denn, streng durchdacht: wieso das unfreiwillig wiedervereinte Verteidigerpärchen seine sekundären und tertiären Ziele nahezu unbehelligt erreichen kann ergibt nur Sinn, weil der Film sonst nach einer Dreiviertelstunde vorbei wäre. Das mildert das Drohszenario in der Nachbetrachtung, wenn alle Hintergründe offen liegen und klar ist, wer da mit wem gemauschelt hat und wie viele Möglichkeiten da verpasst wurden, die pflichtbewussten Anwälte zu bremsen…

Wertung & Fazit

Action: 0,5/5
Wenig, sehr sparsam eingesetzt. Mehr wäre aber auch unpassend, schließlich hat man es hier mit Anwälten und nicht mit Geheimagenten und Actionhelden zu tun.
Spannung: 3,5/5
Zieht mit einer entscheidenden Wendung und Erkenntnis der Verteidiger ordentlich an, wird aber auch immer wieder von der etwas konfusen Schnittmechanik des Films ausgebremst.
Anspruch: 3/5
Der Film schwankt zwischen geschickter Betrachtung und Simplifizierung, die einige Momente ein bißchen lächerlich dastehen lässt. Wird der thematischen Brisanz selten vollauf gerecht.
Humor: 0/5
Kein Kriterium.
Darsteller: 4/5
Eric Bana und Rebecca Hall bringen gute Leistungen in bewährten Rollenmustern.
Regie: 2,5/5
Konventionelle Thriller-Regie ohne große Auffälligkeiten.
Fazit: 6/10
Solider Terror-Thriller inmitten des britischen Justizapparats, der brisante Themen anreißt, aber keines in seiner komprimierten Hektik wirklich vertiefend beleuchten kann.

Mehr zum Film

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