VALERIAN – DIE STADT DER TAUSEND PLANETEN: Kritik zum SciFi-Abenteuer mit Dane DeHaan & Cara Delevingne

Die Story

In den Weiten der Galaxie des 28. Jahrhunderts: als Spezialagenten der Regierung werden der draufgängerische Major Valerian und seine besonnenere Partnerin Sergeant Laureline auf heikle Missionen in allen möglichen Welten entsandt, um Recht und Gesetz zu hüten. Vor allem dem hochdekorierten, aber ungestümen Valerian sind dabei auch mal die unkonventionelleren Methoden recht. Ihr jüngster Auftrag führt das ungleiche Duo auf einen interdimensionalen Marktplatz, auf dem sie einen Transmulator sicherstellen können, ein possierliches Alientierchen, das alle Gegenstände, die man ihm zu fressen gibt, in hundertfacher Ausführung reproduziert. Nach ihrer Rückkehr in die Weltraum-Mega City Alpha, die sogenannte Stadt der tausend Planeten, die Millionen Bewohner und Spezies aus jedem Winkel des Alls beheimatet, kommt das Agentenpaar jedoch schnell einigen Ungereimtheiten rund um den Transmulator auf die Spur: wer hat es noch darauf abgesehen, was hat es mit der seltsamen Perle auf sich, die Valerian zusammen mit dem Tier erbeutet hat, was bedeutet sein Traum von dem zerstörten Planeten Mül und warum unterliegen sämtliche Aufzeichnungen darüber der höchsten Sicherheitsstufe? Und die wichtigste aller Fragen: wird die renitente Laureline Valerians Heiratsantrag annehmen?…

Die Filmkritik

Kein Betriebsgeheimnis: Blockbusterkino wird an Reißbrettern, nicht von Visionären entworfen. Zunehmend und immer öffentlicher ausgetragen die Fälle, in denen Studioeinmischungen Projekte nach Marktforschungsergebnissen umkrempeln und ursprüngliche Ideen bis aufs Gerippe ausziehen, um‘s mit dem Fleisch einer möglichst breiten Zielgruppenorientierung neu zu schmücken und als Regisseur musste schon beugsam oder Christopher Nolan sein, um im Tentpole-Bereich deine Ruhe zu haben. Aber: Filmemacher mit neunstelligen Millionenbudgets ihre Herzensprojekte einfach machen zu lassen, ohne revisionistisch an ein paar Stellen auf Blindheit gegenüber Faults und Flaws hinzuweisen, ohne die einköpfige Entscheidungsfabrik zu hinterfragen – das kann halt auch schief gehen. Fallbeispiel: Luc Bessons „Valerian and the City of a Thousand Planets“. Befruchtet von der 1967 gestarteten Science-Fiction-Comic-Serie „Valérian et Laureline“ aus der Feder von Pierre Christin und Jean-Claude Mézières ging die Cinéma du look-Koryphäe mehrere Jahrzehnte mit einer Umsetzung der vielbändigen Reihe schwanger und gebar seine Adaption schließlich als Produzent (mit Gattin Virginie Besson-Silla), Autor und Regisseur…
Paradiesisch - die Idylle von Mül in VALERIAN
…und heiliger computer generated Bilderrausch, bei dem sonst nicht viel stimmt, hätte das Ergebnis ein paar konstruktive Gedankenblasen mehr gebrauchen können. Bei Besson geht grundsätzlich Style vor Narration und Charakteren, eine saubere Plotentwicklung und ausgeklügelte Figuren kommen frühestens an neunter und zehnter Stelle hinter der visuellen Choreographie, Eindrucksfluten, einer virtuosen technischen Umsetzung und überhöhten Symbolträgern – und das kann prächtig funktionieren, wie in seinen besten Werken „Léon – Der Profi“ und „Das fünfte Element“ oder dem Prolog von „Valerian and the City of a Thousand Planets“. Der ist nämlich noch klasse. Unterlegt von David Bowies infinite-phantastischem „Space Oddity“ und ansonsten fast wortlos vermittelt Besson das Konzept eines erst erdvölkerinternen, dann intergalaktischen Zusammentreffens auf einem weiter und weiter wachsenden Space Hafen nur mit Bildern und einer universellen Geste der Völkerverständigung. Ohne die Hintergründe der Alpha-Station und der Umstände auf der Erde zu erklären ist das ein wunderbar optimistischer und charmant-naiver Auftakt für den gemeinsamen Aufbruch der Mensch- und Alienheit in die Tiefen des Alls…

…der 400 Handlungsjahre später in eine ebenso großartige, visuell berauschende und ihrerseits ebenfalls beinahe wort- und dialoglose Sequenz auf dem tropischen Planeten Mül (was ein beschissener Name für so ein Paradies…) übergeht. Weite weiße Strände, Muschelgebilde, perlenkackende Alien-Armadillos, fluoreszierende Energienentladungen, ein strahlend azurblaues Meer… Zugegeben, die beheimateten Pearls kommen rüber wie die blasse Kellerkindverwandtschaft der Na‘vi aus Camerons Pandora-Epos „Avatar“, aber nicht nur mit dem Stresspegel des Alltags auf zehn gedreht würde man sofort in den Film reinspringen wollen, um mit den schlanken Sanftlingen voll naturharmonisch einen wegzuchillen. Das ist eine Welt, die sich in ihrer Gestaltung das seltene Merkmal verdient, sie so noch nicht gesehen zu haben, irgendwie irdisch-vertraut und doch ganz und gar unweltlich-andersartig. Und wenn dann plötzlich und unerwartet gigantische Trümmerteile einer Schlacht jenseits des Verständnisses der Pearls ihren klaren Himmel verdunkeln ist das wahrhaftig erschütternd, ein effekttechnisch umwerfender und grauenhafter Moment und das berühmte „show, don‘t tell“-Prinzip simpel, aber ungeheuer effektiv vorgetragen. Mit faszinierenden Bildern und fast ohne Dialoge. OHNE Dialoge!
Im Einsatz - Dane DeHaan und Cara Delevingne als Laureline in VALERIAN
Das lohnt sich so deutlich herauszustellen, weil es mit „Valerian“ abwärts geht, sobald geredet wird. Präziser: sobald Dane DeHaan und Cara Delevingne reden. Zu denen und der eigentlichen Handlung wechselt „Valerian and the City of a Thousand Planets“ nach dem tollen Prolog und zwei Dinge sind nach zwei Sätzen klar: ihre Figuren sind fürchterlich geschrieben und die beiden klassische Fehlbesetzungen. Besson legt Valerian irgendwo zwischen dem Wandel vom starken und bedingungslos regierungstreuen square-jawed hero zum übertölpelbaren knucklehead an, den die Figur in der Comicvorlage vollzog. Der Film-Valerian ist ein sprücheklopfender Aufschneider mit leichter Autoritätenallergie, der aber beherzt und mit Können zur Tat schreitet, wenn er muss, und es dabei auch mal verreißt und unnötig brenzlig werden lässt. Ein Kirk/Han Solo/Star-Lord-Verschnitt, solide Charaktergrundlage für ein überkandideltes Space-Adventure – nur überhaupt nichts davon verträgt sich mit Dane DeHaan. Der ist gleich in seiner ersten Szene ohne Shirt nur ein halber Haa(h)n und kann mit seinem schmächtigen, Augenringe-Deprie-Kid-Look keines der Attribute ausfüllen, die Besson und sein erkläriges Script ihm anreden.

Es muss nicht immer langweiliges Arsch auf Eimer-Typecasting sein, Stars gegen den Strich und Gewohnheit zu besetzen kann überraschen und im Dienste eines Films aufgehen, aber es gibt eben Gründe, warum gewisse Schauspieler in bestimmten Rollen in gewissen Filmen funktionieren und andere nicht. DeHaan ist ein verschlagener Creep, ein Weirdo, der fast nur verschlagene Creeps und Weirdos spielt, das auch verdammt gut kann und jedes Mal, wenn er als Valerian nicht im Mittelpunkt des Frames ist und sich keine flapsigen Flirts und harte Kante-Oneliner rauszwingt im Hintergrund aussieht wie ein verschlagener Creep, ein Weirdo. Womanizen, sich superheldenhaft in die Action stürzen, mit tiefer Stimme entschlossen tun: das ist alles nicht DeHaan, wirkt lächerlich und schafft amüsierte bis herablassende Distanz zu dem, was „Valerian and the City of a Thousand Planets“ bei seinen auftretenden Plot- und Dialogschwächen dringend bräuchte: einen reckenhaften charming guy, der einen mit durchzieht. Man kann nach „Guardians of the Galaxy“ und „Jurassic World“ jetzt nicht jeden lockeren Draufgänger mit Chris Pratt besetzen, aber mit jemanden, der den frechen Swarve und die Mannsbengeligkeit eines Chris Pine oder Michael B. Jordan mitbringt, eines vergessenen Josh Hartnett oder verdammt, sogar ‘n Zac Efron kann das. Oder eine Generation älter in Hollywoods B-Liste schauen, kernige Kerle wie Thomas Jane oder Frank Grillo casten, die vom Aussehen her zur Comicvorlage gepasst hätten. Gut, neben denen würde Cara Delevingne komisch aussehen (die das hier ansonsten aber ganz sweet und nicht so trantütig wie in „Suicide Squad“ als Hula-Hexe macht), aber auch für die hätte sich doch bestimmt ‘ne Kate Beckinsale, Kate Hudson, Katee Sackhoff, Kate aus „Lost“, irgendeine Kate halt gefunden.
Dane DeHaan und Rihanna in VALERIAN
Fantasy-Casting bringt aber nichts mehr, also zurück zum Gegebenen: das unknisternde Angegeile und Gezicke mit „wo zur Hölle kommt das denn jetzt her?!“-Heiratsantrag von Valerian an Laureline verirrt sich glücklicherweise schnell in die erste Actionszene des Duos. Die Infiltration und Hatz über einen interdimensionalen Marktplatz, der nur mit speziellem Equipment sicht- und interagierbar wird und außerhalb seiner virtuellen Begehbarkeit nichts als ein karges, touristendurchtappstes Wüstengebiet bietet, ist konzeptionell fuchsig und dermaßen irrwitzig eingefangen und einfallsreich, dass man die Gesetze von Logik und Sinn schnell vergisst (Wüste flach, aber der Basar auf labyrinthartig-verschachtelten tausend Ebenen angelegt???). Das macht launige, originelle und visuell teils berauschende zwanzig, dreißig Minuten, doch sobald es für das unharmonierende Helden- und Krittelgespann nach Hause geht platzt die bunte Blase und Besson geht der Zunder für sein Gewämmse aus: kantig und unelegant wird von der Raumschiff-K.I. Alex eine Darlegungstour der titelgebenden Stadt der tausend Planeten runter gerappelt, die plotintern so idiotisch ist, als würde einen die Gattin jeden Tag nach der Arbeit erklärend durch‘s eigene Haus führen. Plotextern kann man solche Expositionsbatzen kaum verlegener unterbringen.

Danach ist „Valerian and the City of a Thousand Planets“ mit merklich gedrosseltem Budget unterwegs, exotische Planeten weichen eher kargen Korridoren, Kontroll- und Konferenzräumen, was nach dem Reizüberfluss auch Willkommen wäre, würde der Film nicht zeitgleich jedes Interesse an einer gut vorangetriebenen Story aufgeben. Stattdessen hält Besson einfach nur einige Schlüsselinformationen unter Verschluss, um ein wenig kniffliges Mysterium aufzubauen, in dem sich die Figuren bewegen, aber doch weitestgehend davon unberührt bleiben. Mit seinen drei rescue mission-Episoden knallt der Film schließlich völlig aus den Gleisen: der zehn Meilen gegen den Wind nach heimlichem Bösewicht stinkende Commander Clive Owen wird von unbekannten Aliens entführt, Valerian bruchlandet in einer kontaminierten Todeszone der Alpha-Station und Laureline gerät mit der Hilfe dreier methsüchtiger Enten und eines ranzigen U-Boot-Kapitäns in den Besitz einer telepathischen Qualle vom Rücken einer gigantischen Unterwasserkreatur, endet schließlich aber selbst in der Gefangenschaft dickbäuchiger Gastronomieartisten, während Valerian sich Rihannas form- und fetischoutfitwandelnde Rollenbewerbung für ein „Moulin Rouge“-Remake ansieht. Klingt nach abgedrehtem Space-Attraktionen-Hopping, ist allerdings unerwartet langweilig und in der Figurenzeichnung ärgerlich inkonsequent.
Unpassendes Paar - Dane DeHaan und Cara Delevingne in VALERIAN
Während DeHaan nicht aus der Nummer rauskommt, als Valerian viel zu halbhemdig zu wirken, weiß Besson bei Laureline nicht, ob er sie nun als gleichberechtigte und dem Major vielleicht sogar überlegene Partnerin oder als herabgewürdigte damsel in distress darstellen will: er gerät in Gefahr, weil er bei einer waghalsigen Verfolgungsjagd sein Leben riskiert, sie hingegen, weil sie die Finger nicht von einem Leuchtedings lassen kann und anschließend ihre toughness vergisst. Und so absurd manche Einfälle auch sein mögen, der Film zieht nicht mehr an und mäandert in seiner Episodenstruktur einem unspektakulären Finale entgegen, in dem nochmal viel geballert wird, aber kein Wow!- oder Wtf?!-Effekt mehr eintritt. Zumindest nicht im positiven, denn wenn Valerian aus dem Nichts offenbart, schon die ganze Zeit von der Seele der Pearl-Prinzessin beseelt zu sein und du dich fragst, was der ganze Scheiß dann überhaupt sollte… Da kann‘s dann auch noch so bunt, noch so abgedreht, noch so visuell LSD‘ig sein: beim „Fünften Element“ haben die Wahnwitzigkeiten wie die ausgezeichnet gewürzte Sauce über dem solide-schlichten Fleisch mit Kartoffeln-Gericht aus Plot und Charakteren auf dem Teller gelegen, den Rest haben die Darsteller besorgt. „Valerian“ dagegen serviert eher Wackelpudding an Leberwurstbällchen und gießt geschmolzene Smarties drüber. Und das schmeckt am Ende nicht.

Wertung & Fazit

Action: 2/5

Die Comicvorlage war Vorbild für viel SciFi-Ausschuss und Bessons eigenes Werk, drum bleibt bei vielen Sequenzen ein Déjà-vu-Erlebnis nicht aus. Trotzdem teils visuell pfiffig und berauschend, aber die Figuren lassen nicht mitfiebern.

Spannung: 1/5

Ein seichtes und lange vorhersehbares Mysterium sehr ungelenk und umständlich erzählt, dazu nie das Gefühl echter Stakes.

Anspruch: 0/5

Nach dem Prolog wird’s eigentlich immer döfer und mit ein paar Offenbarungen gen Ende verdooft Besson retrospektiv alles noch mehr.

Humor: 0.5/5

Funktioniert selten. DeHaan ist kein guter Oneliner-Lieferant und das ganze irrwitzige Zeugs wirkt oft sehr belanglos reingeklatscht.

Darsteller: 1.5/5

Dane DeHaan ist eine komplette Fehlbesetzung; der Bengel kann schauspielerisch was, aber nichts davon kann er für diese Rolle gebrauchen. Die Cara hingegen ist die schlechtere Schauspielerin, trifft den Part aber trotzdem besser.

Regie: 2/5

Visuellen Rausch und abgespacte Bilder kann Besson. Nur ist alles andere hier nochmal belangloser und schwächer umgesetzt als sonst.

Film: 3.5/10

Buntes Space-Gewämmse, dem nach einem hervorragenden Prolog die Puste schnell ausgeht: „Valerian and the City of a Thousand Planets“ leidet unter seinem fehlbesetzten Lead und einer schwachen und zu episodenhaft strukturierten Story schwerer, als es die teils tollen Bilder aufwiegen könnten.

2 Kommentare

  1. Zunächst mal, es hat mir großen Spaß gemacht deine Kritik zu lesen. “die beheimateten Pearls kommen rüber wie die blasse Kellerkindverwandtschaft der Na‘vi” – da musste ich erst schlucken und dann doch grinsen. It’s funny ’cause it’s true. VALERIAN ist tatsächlich nicht der große Wurf, aber den habe ich nach der Sichtung des ersten Trailers auch nicht erwartet. Das Casting und das Drehbuch hätten aber durchaus besser sein können. Gerade wenn man so viel Geld in die Hand genommen hat wie Besson (210 Millionen US-Dollar!!!), hätte man sich doch ein Leinwandpaar casten können, das zumindest ansatzweise eine Chemie hat.

    1. Danke 😉 Ja, das denke ich auch, Besson ist eigentlich einer, der ziemlich genau zu wissen scheint, wie viel ein guter Lead ausmacht – die retten nämlich vielen seiner Regie- und Produzentenwerke den Arsch.

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