Stars im Portrait: VOLKER ENGEL

Portrait

Er kann und würde es wohl selbst nicht abstreiten: für das moderne Blockbuster-Kino ist jemand mit der Berufsbezeichnung Visual-Effects-Supervisor fast wichtiger geworden, als Autoren, Regisseure und Darsteller. Bei nicht wenigen aktuellen Produktionen kommt man problemlos auf den Gedanken, dass man auf papierverschwendende Drehbücher, den »Action!« und »Cut!« schreienden Kolleriker im Klappsessel und so manchen geistlos in die Gegend starrenden Akteur locker hätte verzichen können, so lange nur irgendwer den Tüftlern am PC die richtigen Stichworte an die Hand gegeben hätte. Den Rest würden Effektkünstler wie beispielsweise Volker Engel und seine Leute schon erledigen.

Ganz so einfach wäre es wohl zum Glück doch (noch?) nicht, aber Engel ist sich seiner Bedeutung und jener der Arbeit, die er mit seinem Team leistet, zu Recht bewusst. In frühester Kindheit entdeckte der gebürtige Bremerhavener seine Leidenschaft fürs Kino und investierte sein Konfirmationsgeld in eine Super 8 Kamera, mit der er bereits zu Schulzeiten Zeichentrickfilme drehte. 1982 nahm Engel am Ersten bundesweiten Schülerfilmfestival in Hannover teil (das heutzutage unter dem Namen up-and-coming Festival stattfindet). Sein vierminütiger Animationsfilm Das Wüstenrennen, für den er vierzig mühsam ersparte Mark ausgegeben hatte und darin Spielzeugautos explodieren ließ, kam beim Publikum gut an und Engel, der unter anderem den in Sachen Tricktechnik wegweisenden Star Wars (1977)), Steven Spielberg, George Lucas und Frank Capra als Einflüsse nennt, wurde in seinem Schaffen ungemein ermutigt.

Nach Absagen an Bremer und Hamburger Kunsthochschulen, unter anderem damit begründet, seine Arbeiten seien zu kommerziell und zu wenig künstlerisch, zog Volker Engel Richtung Süden und nahm sein Graphik Design-Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart auf. In der baden-württembergischen Landeshauptstadt traf er auf einen Science Fiction-vesessenen Regisseur namens Roland Emmerich, den Engels gestalterische Talente überzeugten und der ihn für die Leitung der Visual Effects seines Moon 44 (1990) einsetzte. Während der Film an sich wenig begeisterte, wurde die hervorragende und für kleines Geld realisierte Effekt- und Modellarbeit einhellig mit Lob versehen. 1991 schloss Engel sein Studium ab und bildete sich im folgenden Jahr im Bereich Animation an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg fort, an der er anschließend von 1992 bis ’94 dozierte.

Kumpel Emmerich war inzwischen nach Hollywood abgewandert und dachte bei der Planung seines dortigen Debüts Universal Soldier (1992) an Volker Engels Fäh- und Fertigkeiten.  Tätig in der Modellbauabteilung leistete Engel auch hier ganze Arbeit, kehrte jedoch zunächst nach Deutschland zurück. Nach seiner zweieinhalbjährigen Dozententätigkeit, sowie jener an dem TV-Film Der letzte Kosmonaut (1994), war es erneut Emmerich, dessen Ruf lockte. Diesmal wartete der Schwabe mit einem Projekt auf, das sowohl für ihn, als auch für seinen norddeutschen Herren der Effekte den absoluten Durchbruch bringen sollte. Mit teils simplen, aber wahnsinnig effektiven Methoden schufen Engel und weitere Trickspezialisten diverse Kinnladenrunterklapper für das gewaltige Invasionsspektakel Independence Day (1996). Engel bewies dabei nicht nur ein geschicktes Händchen in Umgang und Anwendung der seit Meilensteinen wie Terminator 2 (1991) und Jurassic Park (1993) boomenden CGI-Technik, besonders seine Entscheidungen gegen die Bilder aus dem Computer und für den praktisch geschaffenen Effekt mit Modellen und Miniaturen lösten weltweite Begeisterung aus. Und obwohl Independence Day wie jedes Special Effect-orientierte Werk mit den Jahren vom Fortschritt ein- und überholt wird, konnte Engel hiermit seinen ganz eigenen Höhepunkt visueller Unvergänglichkeit setzen. Der Gewinn des Oscars 1997, der Erhalt des Bundesverdienstkreuzes 1998 und diverser weiterer Auszeichnungen adelten seine Leistung.

Dem nordisch-unterkühlt-pragmatischen Naturell entsprechend ließ Volker Engel der erlebte Mega-Erfolg nicht in Regionen der Selbstzufriedenheit entschweben, die Lorbeeren wurden pflichtgemäß verspeist und dann weiter gearbeitet. Nach mehmaligem Absagen hatte Emmerich sich zur Regie von Godzilla (1998) überreden lassen und sein Mann des Vertrauens, der aus dem japanischen Gummiungetüm ein ernstzunehmendes Monstrum der Zerstörung schaffen sollte, war selbstredend auch diesmal Engel. Stellte Emmerichs Inszenierung nicht nur einen Griff, sondern einen Faustschlag ins Klo dar, schufen Engel und Co. auch hier wieder im Großen und Ganzen überzeugende Arbeit, wobei das Design der Riesen-Echse zwar längst nicht jedem gefiel, sein erderschütternder Einsatz in den (Miniatur)Hochhausschluchten New Yorks aber durchaus einen gewissen atmospährischen Reiz besitzt. Nach gemeinsamer Gründung der Produktionsfirma Uncharted Territory mit Marc Weigert Ende der 1990er Jahre, gönnte Engel sich eine verdiente Auszeit. Er, Weigert und der spätere Regisseur Claudio Fäh begannen kurze Zeit später mit dem Verfassen des Drehbuches zu Coronado, ein tricklastiger Abenteuerfilm, der schließlich 2003 erschien, mit Kristin Dattilo und John Rhys-Davies in den Hauptrollen allerdings eher wenig und wenn überhaupt durch die mit geringem Budget entwickelten Visual Effects überzeugte.

Für Uli Edels aufwendige deutsch-amerikanische Sagenverfilmung Die Nibelungen (2004), besetzt mit internationalem Personal wie Benno Fürmann, Kristanna Loken, Max von Sydow und Robert Pattinson, übernahm Volker Engel den Posten des Co-Produzenten und gemeinsam mit Marc Weigert die Leitung der Visual Effects. Die Hochglanzproduktion erreichte ausgezeichnete Einschaltquoten, stieß von Kritikerseiten aber auf ein überwiegend laues Echo, während Engel immerhin einen Diva Award einstrich. Für die zwanzig Millionen teure Mini-Serie The Triangle (2005) mit Sam Neill, Eric Stoltz und Catherine Bell gab es für Engel und Weigert einen Emmy Award für die besten visuellen Effekte. Auf Auszeichnungen darf ebenfalls bei dem fünften gemeinsamen Projekt mit Roland Emmerich gehofft werden: dessen Weltuntergangs-Epos 2012 kam im November 2009 in die Kinos und kann tricktechnisch restlos begeistern, wozu Volker Engel selbstverständlich einmal mehr seinen Teil beigetragen hat.

In einer Zeit, in der tricktechnisch nichts mehr unmöglich zu sein scheint, in der am Rechner Welten entstehen und vernichtet werden, kommt es zum einen darauf an, mit Mechanismen Schritt zu halten, die über Entwicklung, ein stetiges „weiter“, ein ständiges „neu“ funktionieren. Zum anderen sind Leute gefragt, die nicht nur vorführen, zu was sie fähig sind, sondern die sich darauf verstehen, eine Wirkung zu erzielen, die den Trick nicht des Tricks wegen ausführen, sondern die ihn als Endprodukt einer kreativen Entstehung dort und so einsetzen, wo und wie er zum Wohle des Films eingesetzt werden sollte. Als Special-Effects-Supervisor ist es Volker Engels Aufgabe, den Effekt zu planen, ihn virtuell oder praktisch entstehen zu lassen, Modelle, Materialien und Look auszuwählen. Wie gesagt, welche Bedeutung der Besitz dieser Fähigkeiten für das moderne Hollywood-Kino hat, das weiß er sehr genau. Als einer der führenden und besten auf seinem Gebiet kann er selbst und jeder Regisseur, Autor und Schauspieler, mit dem er je zusammengearbeitet hat, sich darauf verlassen, dass Engel sie stets in Vollendung einsetzt – und mit der Qualität seiner Arbeit alle in den Hintergrund drängt und unnütz aussehen lässt. Ja, Volker Engel und seine Leute erledigen das schon…

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