WONDER WOMAN: Kritik zu DCs Amazonen-Abenteuer mit Gal Gadot & Chris Pine (Blu-ray)

Story

Als Tochter der Amazonenkönigin Hippolyta wächst die junge Diana behütet im paradiesischen Inselreich Themyscira auf. Verborgen vorm Rest der Welt bereiten die mächtigen Kriegerinnen sich hier auf die Rückkehr des Gottes des Krieges Ares vor, ihrer Aufgabe verschrieben, den Aufrührer endgültig zu zerstören, sollte der Sohn des Zeus die Menschheit zu einem alles vernichtenden Krieg verführen. Einzig Diana wird von der Königin nicht zur Kriegerin ausgebildet, doch nicht nur Hippolytas Schwester, die Generalin Antiope, weiß um die besonderen Fähigkeiten des Mädchens. So bildet sie Diana im geheimen und schließlich mit Hippolytas widerwillig erteilter Zustimmung zu einer starken Kämpferin aus. Als eines Tages der britische Spion Steve Trevor auf der Flucht vor seinen deutschen Verfolgern im Reich der Amazonen abstürzt erfahren diese davon, dass außerhalb ihrer Insel ein brutaler Krieg die gesamte Welt erschüttert und die inzwischen erwachsene Diana beschließt, den Menschenmann in dessen Heimat und in den Konflikt zu begleiten. Sie ist überzeugt, dass Ares hinter den Gräueltaten steckt und ist entschlossen, den Kriegsgott zu töten und alles Leid damit zu beenden – doch in Schützengräben und Kampfgebieten werden Dianas Überzeugungen und ihr Glaube an das Gute auf eine harte Probe gestellt…

Die Filmkritik

Mit Pauken, Trompeten und Geschrammel entschied sie letztes Jahr ein Duell für sich, in dem sie eigentlich gar nichts zu suchen hatte: ausgerechnet Wonder Woman ging aus „Batman v Superman“ als Siegerin hervor, die fesche Amazone war einer der wenigen kollektiv attestierten Lichtblicke in Zack Snyders überfrachtetem sour and dour-Spektakel. Nachdem die typischen voreilig zuschnappenden Beißreflexe der Comic-Community noch ihren Mangel an Brustgröße und Schauspieltalent angeprangert hatten, war plötzlich überall der Bock auf Gal Gadot als themyscirische Kriegerin geweckt und „Wonder Woman“ fuhr 2017 diverse Box Office-Rekorde für DC und Regisseurin Patty Jenkins ein. Ein richtiges und wichtiges Statement, überhaupt und erst recht in einem Jahr, in dem die Show-Branche vom YouTube-Channel über Filmstudios bis in die Politik von Belästigungs-, Erniedrigungs- und Missbrauchsfällen erschüttert wird und sich aufs hässlichste bemerkbar macht, dass Gleichstellung in vielen Branchen noch immer für verächtliche Belustigung statt aktives Umdenken sorgt.

„Wonder Woman“ hat seine kontextsensitive Bedeutung in der Geschlechterfrage, in der Blockbuster-Landschaft der 2000er und im Spektrum der auf weiblicher Schiene unter- bis schlecht repräsentierter Comicverfilmungen sicher (man denke an Schund wie „Elektra“ oder „Catwoman“) – aber „Wonder Woman“ ist rein ob seiner filmischen Qualitäten (und die sollten bei allem guten Zweck weiterhin als Maßstab gelten) eine dennoch nur durchschnittliche Superheldenadaption. Trotz „Battlefield 1“-Setting ist der Film farbenfroher und optimistischer als seine DCEU-Vorgänger (in der Chronologie natürlich -Nachfolger) und Amazonen-Prinzessin Diana erstrahlt in mehr Helden- und weniger Schwermut im Vergleich zu ihren kryptonischen und chiropterarischen Kollegen. Und auch im Querbezug zu manchen Marvelmannen scheint sie mehr Freude an ihren Kräften und an deren Einsatz für das Wohlergehen der Schwächeren zu zeigen…

…bloß eine wohlwollend-heroischere Gesinnung im Schatten eines fehlinterpretierten Superman (ansonsten würde das überhaupt keine Rolle spielen) und ein buchstäblich helleres Bild (traurig genug, dass DAS schon als positives Merkmal verbucht werden muss…) gleichen noch lange nicht aus, dass „Wonder Woman“ eine von der ersten bis kurz vor die finale Viertelstunde überraschungsarme, tonal unausgewogene Story abgaloppiert. In den Kindheits- und Young Adult-Jahren der Heldin im Werden ersetzt „Wonder Woman“ die »sie ist die Auserwählte«-Trope durch die »sie ist nicht die Auserwählte, also behandeln wir sie strenger als alle anderen, bis sie merkt, dass sie eben doch die Auserwählte ist«-Routine, was den schön südländischen Flair und Kitsch des Themyscira-Prologs um Laufzeit streckt, aber keine thematische Spannung erzeugt. Eine alte mythologische Prophezeiung in hübsch animierten Bildern (wobei diese Expositionshappen im Look bewegter Bilderbücher als Stilmittel auch nicht mehr wirklich aufregend sind) und grausig-unkaschierte Script-Momente, die ohne Geschick und Kniff runterdialogisiert werden – fertig ist die Amazonen-Backstory und das unausweichliche Foreshadowing gleich mitgeliefert.

Mit den ersten Aufregern rund um Dianas Training und einem Kampf am Strand zwischen den drahtigen Kriegerinnen und deutschen Kaiserreichssoldaten zeigt „Wonder Woman“ sich auch im Actionbereich eher als Mauerblümchen. In Zack Snyders Zeitlupenästethik inszeniert Patty Jenkins die Signature Moves der Amazonen als tymiskerische time freezing-Akrobatik, die manch mittelmäßig animiertem CGI-Stuntdouble und offensichtlichen Blue Screen-Drehs die Gardinen vor den Fenstern wegzieht. Da sind ganz geschmeidige Manöver dabei, aber die Darstellung von super handlungsschnellen Menschen und ihrer Kicks und Hiebe sieht oft zu schwerelos-künstlich und nach „Street Fighter“-Moves wie Chun-Lis Spinning Bird Kick oder Ryus Tatsumaki aus. Mit dem Auftauchen von Chris Pine und der Abreise ins kriegsgebeutelte London setzen Gender Banter und unfassbarerweise Humpidumpi-Musik ein und „Wonder Woman“ zielt mit fish out of water-Comedy komplett an einem stringenten Bruch zur beschaulichen Inselidylle vorbei…

…aber haha, guckt euch die Amazone an, wie sie mit ihrer Unangepasstheit Schniedelwitze provoziert und im konservativen Chic des frühen zwanzigsten Jahrhunderts und mit Drehtüren nicht klarkommt. Humor ist Geschmackssache, doch wie bei der Story macht „Wonder Woman“ darin den Eindruck, den Weg des geringsten Widerstandes zu wählen und als bisher größtes female superhero movie bloß nicht unkonventionell zu werden. Wenn Film und Begleiter Steve dem naiven Drängen der mythengläubigen Diana allerdings nachkommen und sie an die Front bringen ziehen Heldin und Heldenpathos mächtig und zugegebenermaßen absolut mitreißend an: die Schützengraben/Schlachtfeld/besetzte Stadt-Sequenz, aus der die meisten Action-Shots der Trailer stammen, wird visuell und musikalisch zu einem der epischsten hero reveals der Comicbuchverfilmungsgeschichte. Wenn Diana sich bloß mit Armschienen, Schild, Schwert und ihrer eigentlich völlig unpraktischen Amazonen-Rüstung den Gewehr- und MG-Salven deutscher Besatzer entgegenwirft ist das wahrer Heldenbombast voller Courage und einem Score, der einen bei jeder abgewehrten Kugel und jedem umgeholzten Soldaten die Triumphfaust ballen lässt.

Hier hat das Minirock‘n‘role model seine besten Momente, ansonsten ist das mit dem emanzipatorischen Wert dieser „Wonder Woman“ so eine Sache. Mit ihrer superempathischen »ich bremse auch für Regenwürmer«-Haltung und dem Dahingeschmelze beim Anblick eines Babys wird Diana in ihrem Verhalten ans Klischee gefühlsempfindsamer und beschützerinstinkthafter Frauen geknüpft und bisweilen arg über gesunden Optimismus hinaus ins Licht eines umdämmerten Dummchens gerückt. Das entbehrt im Kontext der Weltgeschichte nicht einer gewissen Bitterkeit, ist Teil ihrer Heldengenese und der Lektion, die die menschenweltfremde Amazone zu lernen hat, aber das Frauenbild, dem der Film darin verfällt, ist dennoch zu banal gestrickt, zu sehr mit dem Uterus gedacht. Ansonsten dreht „Wonder Woman“ in den meisten Szenen die typischen Geschlechterrollen einfach nur um, indem Diana die Retterin in höchster Not ist. Dabei bleibt der Film allerdings angenehm ausgewogen und meint nicht, die Heldentaten nochmal explizit herausstellen oder kommentieren zu müssen, weil eine Frau sie begeht. Das ist eine Selbstverständlichkeit, wie sie in Gleichstellungsfragen und Kompetenzenverwaltung ganz natürlich herrschen sollte.

Was „Wonder Woman“ nicht umgangen bekommt, ist eine Herausstellung von Dianas Besonderheit im Zusammenhang mit ihren äußerlichen Merkmalen. Von Steves erstem überraschten »Wow…« bis zu jedem kurzen Innehalten fast sämtlicher auftauchender Figuren ob ihrer Erscheinung wird immer wieder vor jedes andere Attribut gekehrt, dass Gal Gadot eine schöne Frau ist. Dem lässt sie zwar Intelligenz, Entschlossenheit und Taten folgen, aber ohne die zur Kenntnisnahme ihrer Schönheit geht erstmal keine Begegnung von statten. Und sei es bewusst oder ein Versehen, die wenigen übrigen weiblichen Charaktere des Films schärfen den Eindruck einer gewissen Orientierung an Oberfläche und Äußerem: eine rundlich-gemütliche body shaming-Britin (»It‘s fashion. Keeps our tummies in.« »Why must you keep them in?« »Only a woman with no tummy would ask that question.«) und eine entstellte Psychopathin, der bei männlicher Aufmerksamkeit durch Chris Pines fake flirt fast die Atmung aussetzt, bis Diana auftaucht (»Besides, now I see your attention is elsewhere…«) – der Body Mass Index sollte also schon stimmen und die Erscheinung makellos sein, wenn du ‘ne Wonder Woman sein willst…

Und soweit passt‘s eben mit Gal Gadot. Die ist optisch und mit ihrer physischen Performance schon ‘ne Wonderbare Woman, aber eine extrem bemüht wirkende Schauspielerin, die jede kleinste Mimikregung mit ihrem internen Skype Chat samt Emoji-Unterstützung abklären muss, um sie ausführen zu können (»so, jetzt überrascht gucken… und jetzt wütend… und jetzt gütig…«). Das fällt besonders neben Pine auf, der von „Star Trek“ bis „Beyond“ bewiesen hat, mit natürlichem Charme von goofy zu Drama und Entschlossenheit wechseln zu können. Die Beziehung der beiden gerät insgesamt nicht glaubhafter, als es der Genrestandart üblicherweise hergibt. Auf Schurkenseite hingegen sieht‘s da noch viel düsterer aus. Danny Huston ist seit „X-Men Origins: Wolverine“ als Bösewicht eigentlich verbrannt, spielt hier aber General Erich Ludendorff als chargierenden Schablonen-Baddie und legt im Tandem mit Elena Anaya als Dr. Isabel Maru (alias Doctor Poison…) in einer bestimmten Szene einen giggelnden Auftritt hin, als wähnten sich die beiden am Set der 60ies „Batman“-Serie. Das mag als Wink an glorreiche Adam West-Tage bewusst gesetzt sein, wirkt in „Wonder Woman“ aber so fehl am Platz wie der Einsatz von Bat-Anti-Haifischspray gegen einen Goldfisch.

Ob ein Bat-besserer-Showdownspray dem Finale von „Wonder Woman“ geholfen hätte weiß nur der dunkle Ritter, viel mehr daneben hätt‘s jedenfalls nicht gehen können: der Film könnte an einem starken, ambivalenten und die Erwartungen unterlaufenden Punkt enden (oder zur Not in eine andere, passigere Richtung weiterlaufen), entscheidet sich aber für eine viertelstündige Explosionsorgie mit zwei gewichtslosen CGI-Gestalten in Rock und Rüstung, die sich im Kollateralschaden verursachenden Messen ihrer ähnlichen Kräfte durch die Gegend prügeln. Das zieht „Wonder Woman“ trotz einiger cleverer und schön gelöster Subversionen des üblichen Genre Klimaxes in den Einheitsbrei aus Braun und Bumms zusammengelöteter Helden-Showdowns runter und hetzt Diana zudem durch eine Standpunktwankelmütigkeit, die aus der Figur heraus kaum noch nachzuvollziehen ist. Da wäre mehr möglich gewesen, um jene Wonder Woman zu formen, der man vorher (beziehungsweise später) in „BvS“ zur „Dawn of Justice“ begegnet ist.

„Wonder Woman“ ist ein typischer Superhero-Origins-Dreiakter, den man mit dem Zaumzeug seines Genres ungefähr in »wie „Thor“ mit griechischer statt nordischer Mythologie«, »wie „Captain America: The First Avenger“ mit gender shenanigans« und »der übliche DC-Showdown Schrott« unterteilen kann. Das einem die beiden Marvel-Produktionen in den Sinn kommen mag auch daran liegen, dass der Film zugänglicher als seine DCEU-Vorgänger angelegt ist, die erzählerischen Ambitionen, die pathosgetränkte Epik, raue Ernsthaftigkeit, den düsteren Look und eine brütende Stimmung gegen Helligkeit und Schlichtheit tauscht. Was mal wieder bestätigt, wie wenig Plan und künstlerische Vision hinter dem DCEU steckt und wie viel da nach Strömung entschieden wird: Bats und Supes werden zur göttergleichen Tragödie aufgeblasen, aber wenn dann tatsächliche Götter am Werk sind ziehen die Creatives die Lanzen ein und reißen Pimmelwitze. Besserung läutet „Wonder Woman“ jedenfalls nicht für das DCEU ein, eher Gleichmachung, Glättung, Formelhaftigkeit, weg von himmelhoch trabenden und grandios scheiternden Ambitionen (für die man „Man of Steel“ und vor allem den Extended Cut von „Batman v Superman“ durchaus schätzen kann, „Suicide Squad“ ist halt nur scheiße), hin zum Genredurchschnitt. Wonderbar…

Wertung & Fazit

Action: 3/5

Das Finale ist mächtig drüber und die Effekte teils mau, dafür ist die Schlachtfeldsequenz herausragend und der Einsatz bis vorm Finale durchaus ausgewogen.

Spannung: 1/5

Von der zu Beginn reingeplemperten Exposition ist klar, wohin „Wonder Woman“ läuft – und als der Film die Gelegenheit hat, diese Erwartung auf den Kopf zu stellen, schlägt er sie aus.

Anspruch: 1/5

Die Abhandlung zum Thema Mensch aus der Sicht einer Göttin bleibt an relativ simplen Abziehbildern hängen und nimmt erst gegen Ende eine etwas ambivalentere Färbung an.

Humor: 0.5/5

Passt oft nicht und ist auch nicht immer besonders gut ausgeführt.

Darsteller: 3/5

Gal Gadot weiß um die Bedeutung ihrer Rolle, aber das israelische Ex-Model ist dennoch eine nur mäßig begabte Schauspielerin. Chris Pine hingegen macht einen sehr guten Job, die Side Crew und Schurken bleiben blass bis fehlbesetzt, der Auftritt der Amazonen ist kurz und trotz Connie Nielsen und Robin Wright nicht sehr prägnant.

Regie: 2.5/5

Patty Jenkins hat mit „Monster“ nur einen einzigen Film in der Bio stehen, der liegt vierzehn Jahre zurück und war ein Charakter Drama und keine Action-Extravaganza. Dem folgend wirkt ihre Inszenierung nicht immer sehr sicher, in einigen Schlüsselmomenten dagegen genau richtig. Mal sehen, was das Sequel bringt.

Film: 5/10

Der Hype um die Wichtigkeit einer weiblichen Empowerment-Figur und den ersten nicht völlig beschissenen female lead superhero movie übertüncht den Umstand, dass „Wonder Woman“ trotzdem auch kein guter, sondern nur ein durchschnittlicher Comicfilm ist. Ganz unterhaltsam, sicher, aber nicht die propagierte Auferstehung des DCEU, das über Gleichmachung seine kontrovers diskutierte Stimme verliert. Ich persönlich finde einen Film interessanter, der ambitioniert scheitert, als einen, der es ohne Ambitionen möglichst den Strömungen recht machen will.

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